Rowan Trevelyan
01.05.2015
Momper
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Jetzt
Das Klopfen riss den mächtigsten Mann des Mittelreiches aus der süßen, unendlich erscheinenden Betäubung eines traumlosen Schlafes. Er hatte keine Ahnung, wie lange Milo schon an der Tür klopfte. Das Licht, das wie ein dreister kleiner Dieb in die Fenster kletterte, war blass und kühl. Üblicherweise musste der greise Diener viel Geduld mitbringen, wenn er seinem Herren so kurz nach dem Sonnenaufgang eine Angelegenheit antragen wollte. Dass Milo vor der Tür stehen musste, stand außer Frage, denn außer seinem Kämmerer hatte Rowan jedem untersagt, an seiner Schlafkammer zu erscheinen oder gar die Stirn zu haben, sie ohne ausdrückliche Erlaubnis zu öffnen.
"Majestät, seid Ihr erwacht?", hörter er wie zur Bestätigung Milos Fistelstimme. Und dann noch einmal: "Majestät?" Zum wievielten Male er das wohl wiederholte?
Rowan drehte sich auf den Rücken und starrte an die Decke. Der Boden war hart und kalt. Er hatte es in der Nacht offenbar wieder nicht bis zum Bett geschafft. Er stieß einen Seufzer aus und empfand seinen eigenen Atem sogleich als so widerlich, dass er den Würgereiz niederringen musste. Und dann traf ihn der gnadenlose Hammerschlag der Kopfschmerzen. Dieser Preis, den er für seinen Schlaf bezahlen musste, war ein altbekannter Begleiter, den er klaglos seit Jahren hinnahm. Dass er und seine Gemahlin getrennte Schlafgemächer hatten, war bei Menschen in ihrer Position nicht ungewöhnlich. Und zugunsten des Wenigen an Achtung, das sie vor ihm noch haben musste, war er auch froh darum. Er schloss die Augen.
"Majestät?" Milo klopfe erneut. "Vergebt mir meine Unnachgiebigkeit, doch ich habe den Befehl, nicht eher zu gehen, bis Ihr mir geantwortet habt."
Die Welt wurde wieder zu einem kleinen, kümmelförmigen Lichtschlitz und vergrößerte sich zu seiner gesamten, grauenhaften Fülle, als Rowan die Augen langsam öffnete.
"Und von wem stammt dieser Befehl?", fragte er matt.
"Von Euch selbst, Majestät. Eure... Botschafterin... ist vor einer Stunde angekommen."
Rowan richtete sich auf und sah an sich herab. Er hatte es offenbar auch nicht in einen Schlafrock geschafft und trug noch die ornamentbestickte Brokat-Tunika, die Milo ihm gestern hingelegt hatte. Ursprünglich war sie meisterlich gearbeitet und in einem dunklen Rot gehalten mit gedeckten goldenen Absätzen und Schnallen auf der Vorderseite. Nun war sie besudelt mit Erbrochenem. Eine der Schnallen war unter dem Druck von Rowans prallem Schmerbauch aus der Naht gerissen. Eine weitere würde ihr bald folgen.
"Es handelt sich um jene, von der ihr einmal gesagt habt, ihr solle jederzeit eine Audienz gewährt werden, ganz gleich, was Ihr gerade tut oder wie spät oder früh die Stunde ist.", fuhr Milo beflissen fort.
Rowan legte den Kopf in die Hände und vergrub die Fingerspritzen in den zerzausten grauen Haaren. Selbst wenn Milo die Erklärung nicht gegeben hätte, hätte Rowan gewusst, um wen es sich handelte, nur durch die Art, wie der alte Diener ihre Berufsbezeichnung ausgesprochen hatte. Sie war tatsächlich eine Botschafterin. Doch entgegen der sonstigen Bedeutung dieses Amtes war es nicht ihre Aufgabe, im Auftrag von Rowan diplomatische Gespräche zu führen. Tatsächlich war ihr Dienst am Kaiserhaus wörtlich zu nehmen. Es war ihre Aufgabe, eine Botschaft in der Welt zu hinterlassen. Wir vergeben nicht.
Rowan wälzte sich herum und kroch auf den Knien zu seinem Bett, dem einzigen Ort, der seit langer Zeit in jeder Hinsicht unbesudelt geblieben war. Er hievte seinen schweren Leib in eine sitzende Position und legte den Kopf erneut in die Hände.
"Tritt ein."
Milo öffnete die Tür. Wenn ihn der entwürdigende Anblick des Kaisers in irgendeiner Form schockierte, so merkte man es ihm nicht an. Wortlos ging er zu einem der Fenster und öffnete es. Rowan holte tief Luft, als er seine Gedanken ordnete.
"Bringe mir angemessene Kleidung und hilf mir, mich herzurichten. Bereite ihr dann ein Frühstück zu. Uns beiden. Ich werde sie in der Ratskammer empfangen."
"Sehr wohl, Majestät." Milo wandte sich zum Gehen.
"Milo...", hielt Rowan ihn auf. Der Kämmerer blieb stehen und schaute ihn abwartend an. Rowan fuhr fort. "Sorge dafür, dass niemand unser Treffen stört."
"Denkt Ihr nicht, dass Eure Gemahlin...", hob Milo an.
"Vor allem nicht meine Gemahlin.", unterbrach Rowan ihn.
"Wie Ihr wünscht, Majestät.", antwortete Milo mit gehobenen Brauen. Rowan kannte diesen Gesichtsausdruck schon seit seiner Kindheit. Er bedeutete: Ich halte diese Entscheidung für falsch, aber wie so oft werde ich sie hinnehmen und später Deine Scheiße wegräumen.
Aber Rowan hatte entschieden. Irgendetwas musste es schließlich bringen, Kaiser zu sein, und wenn auch nur der starrköpfige Sieg über einen alten Freund.

20 Jahre zuvor
Wer würde Ayrannis auf dem Kaiserthron ersetzen? Die Frage stand von Anfang an und ihre Beantwortung war immer wieder vertagt worden.
Es war schließlich Nolan, der zusammen mit Tess, Damián und der Mentorin Fiona den Vorschlag unterbreitet hatte. Seit diesem Tag hatte Rowan seinen kleinen Bruder und seinen Kreis aus Verschwörern mit anderen Augen betrachtet. Rowan, Ciaran, Cara und Elias hatten sich in jener Nacht lange mit der Hesinde-Geweihten unterhalten. Sie hatte eine berührende Rede gehalten über Schuld und Vergebung und dass sie niemals aufhören würde, Fionan Trevelyan zu hassen, ob er nun gezwungen worden war oder nicht, aber dass sie gelernt hatte, dass Kinder nicht die Schuld ihrer Eltern trugen und dass sie bereit war, mit Fionans Kindern einen neuen Anfang zu wagen und den Verrat ihres Vaters zu vergeben. Da hatte Rowan vor ihr das Knie gebeut und die anderen waren seinem Beispiel gefolgt. Sie hatten in Fiona de Voine ihre neue Kaiserin gefunden. Es war nur logisch gewesen, dass auch Nolan, Tess und Damián den Tross an Fionas Seite nach Gareth begleiteten.
Nach der Schlacht um Weiden war der Zug nicht mehr aufzuhalten gewesen. Die Truppen der Häuser Trevelyan und Carnaby hatten sich mit denen von Herzog Nolan und Herzogin Cara vereinigt, die nun die Streitkräfte des gefallenen Hauses Caylawn befehligten. Weiden hatte sich vereint erhoben. Durch die Heirat der beiden Häuser – der Eroberer und der Einheimischen - gab es niemanden, der ihren Anspruch infrage stellte. "Wer hätte jemals gedacht, dass ausgrechnet die Kornkammer des Reiches einen Umsturz bewirken würde?", hatte irgendwer einmal scherzend gefragt und alle hatten gelacht.
Veränderung, Einheit, Voranschreiten! Das war der Geist ihres Heeres gewesen. Die Soldaten waren hochmotiviert, wie Soldaten es numal waren, wenn sie auf der Seite des Siegers stritten. Rowan und Elias hatten gemeinsam ein Glanzstück an Führerschaft abgegeben. Naturgemäß war es Rowan, der tonangebender gewesen war als Elias, weil der junge Carnaby sein Ziel bereits mit der Befreiung seiner Familie erreicht hatte und gar nicht unglücklich darüber war, nicht mehr so sehr in den Mittelpunkt zu geraten. Nach dem Tod Edmond Carnabys war es nun an Elias, die Geschicke seines Lehens in die Hand zu nehmen. Doch auch er ritt nun an der Seite des Ritters, der Cara so lange beschützt hatte. Fast schien es, als wäre Elias aus selbstverständlicher Gewohnheit mitgeritten, und auch, um den Truppen Carnabys einen ofiziellen Grund zu geben, weiter dabei zu bleiben. Zwischen den Häusertruppen hatten sich, ebenso wie zwischen Rowan und Elias, Freundschaften entwickelt. Wie die Männer der Carnabys und auch der Trevelyans lauthals gejubelt hatten, als Elias die Entscheidung bekannt gab, nun auch weiterhin an der Seite der Trevelyans zu verbleiben, um die letzte Etappe ihres Kampfes anzugehen! Auf dem Weg nach Gareth war das Heer in kraftvoller, euphorischer Aufbruchsstimmung gewesen, und sie wussten, dass kein Gegner der Welt sie jetzt noch aufhalten konnte.
Selbstverständlich war es unmöglich gewesen, das Ziel des Heeres jetzt noch geheim zu halten. Die Festnahme von Doria Ayrannis und das Aufbegehren Rowans hatte sich in Windeseile im Reich herumgesprochen und viele der Zweifler am Anspruch des Papierkaisers endlich dazu beflügelt, in Erscheinung zu treten. Täglich war das Heer angewachsen, während es durch die Ländereien hoher Herren marschierte. Einige hatten Truppen hinzugefügt, einige hatten sich hinter ihren Mauern verborgen. Doch niemand hatte es gewagt, sich dem Heer entgegenzustellen.
Ohne auch nur einen einzigen Kampf hatten sie nun die Hauptstadt erreicht und waren auf den Palast marschiert.
Der Sturz des Kaiserhauses war schnell beendet. Der Großteil der kaiserlichen Truppen ergab sich der Übermacht und streckte die Waffen. Nur ein kleiner Stoßtrupp von Getreuen und die Kaisergarde um Lady Adare stellte sich ihnen im Thronsaal entgegen, ihrem Eid folgend. Das empfand Rowan als schade. Tatsächlich hätte er der Hauptfrau gern ein Gegenangebot gemacht. Doch als deutlich wurde, dass sie lieber den Tod im Kampf suchte, als ihre Ehre zu verraten, tat Rowan für sie das Einzige, das er noch tun konnte und forderte sie zum ritterlichen Duell. Es war ein harter Kampf und noch Jahre später würde er beissend die breiten Narben spüren, die er ihr verdankte, doch schließlich besiegte er die Ritterin. Und erst als sie scheppernd zu Boden fiel und das Blut aus ihrer Rüstung floss, bemerkte er, wie still es im Saal geworden war. Er blickte sich um.
Die Soldaten der Trevelyans und Carnabys und der neu gefundenen Verbündeten hatten einen Kreis um Rowan gebildet.
Da sollte Rowan Trevelyan erfahren, wie es sich anfühlte, wenn die Welt einem Mann die Entscheidungen über sein eigenes Leben abnahm.
Es begann mit einem Soldaten, dessen Namen Rowan niemals erfahren würde. Er war noch jung, kaum älter als Nolan, Tapferkeit und Entschlossenheit und das Blut einer aufgeplatzten Lippe im Gesicht. Er trat nach vorn und betrachtete Rowan einen Augenblick. Und dann ging er auf ein Knie und neigte das Haupt.
"Der Thron gehört nun Euch, Majestät. Nehmt ihn Euch.", hallte seine Stimme feierlich durch den Saal.
Rowans erster Impuls war es, lauthals loszulachen. Gerade formulierte er an einer schlagfertigen Antwort, als er sah, wie ein Soldat nach dem anderen die gleiche Haltung einnahm. Als wären sie kleine Holzklötze, die durch das Umkippen ihres Nachbarn selbst fielen, sank die Menschenmenge vor ihm nieder. Hilflos suchte er den Blick von Nolan. Oder Elias. Ciaran. Cara. Er fand den Blick von Fiona. Ihr Ausdruck war versteinert und Rowan konnte sich nicht erinnern, wann er zum letzten Mal so unfähig gewesen war, im Gesicht eines Menschen zu lesen. Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, wie all jene, die diesen Wahnsinn beenden konnten, ebenfalls unter der Last des Willens der Soldaten brachen und niederknieten. Nolan. Elias. Ciaran. Cara. Jeder von ihnen sank nieder. Jeder mit verhangener Miene. Das lief entsetzlich falsch. Und nun wurde es besiegelt. Von Anfang an war klar gewesen, dass die Häuser Trevelyan und Carnaby den neuen Kaiser auf den Thron setzen würden. Und nun hatten sie entschieden. Jene, die am meisten geblutet und verloren hatten, hatten entschieden, wer sie von nun an beherrschen sollte: Der Mann, dem sie durch diesen Krieg gefolgt waren.
Und da stand Fiona vor ihm. So dicht, dass er den Geruch ihres Haares riechen konnte. Würde sie ihm jetzt vorwerfen, das die ganze Zeit geplant zu haben? Einem Trevelyan war so etwas zuzutrauen. Hatte sie einen versteckten Dolch, der sich bereits in seinem Rücken befand, irgendwo an der Stelle, wo die Halsberge auf die Rückenplatten stießen und eine kleine Lücke bildeten? Einen geheimen Stich bemerkte man erst nach wenigen Augenblicken.
Nichts dergleichen.
Fionas Gesicht verwandelte sich in ein warmes Lächeln, als sie, gerade einen halben Meter von ihm entfernt, ebenfalls niedersank und ihm den Blick auf den Saal freigab.
Im doppelflügligen Tor, das in den Saal führte, stand Fionan Trevelyan wie ein schwarzer Unheilsvogel. Rowan hatte die Miene seines Vaters noch niemals so offen gesehen, und noch lange, bevor Fionan ihn in seinem Verdacht bestätigen konnte, wusste Rowan bereits, was geschehen war. Fionan hatte aus Havena eine finstere Nachricht für Rowan mitgebracht. Die finsterste, die es nur geben konnte. Das erkannte Rowan an dem müden Gesicht seines Vaters, und an der Art, wie seine Finger die Nachricht umklammerte, die er in der Hand hielt. Wie ein Kind, das eine tote Ratte gefunden hatte und sie eilig aus dem Haus schaffen wollte. Und dann tat sein Vater das Grauenhafteste, das er in diesem Augenblick tun konnte. Er sank vor seinem Sohn auf ein Knie.
Umgeben von einer Menschenmenge, die vor ihm niederkniete, die ihm die höchste aller Ehren schenken wollte, eine Ehre, für die andere gierig gelogen und gemordet hatten, fühlte sich Rowan Trevelyan so einsam und beraubt wie noch niemals zuvor.
An den folgenden Tagen verschwammen seine Erinnerungen mit den Träumen, die ihm der Wein einflüsterte. Dinge wurden entschieden. Menschen redeten mit ihm. Freunde. Alle waren Freunde.
"So ist es am besten."
"Du bist der Kaiser, den sie lieben. Sie ist diejenige, die einen Anspruch hat. Sie werden sie auch lieben."
"Ich freue mich so für Euch."
"Es tut mir leid. Es tut mir so entsetzlich leid."
"Komm schon, Du könntest es wirklich schlimmer treffen. Sie ist 'n echter Hingucker."
"Das ist das Beste für das Reich. Wir schenken ihnen Frieden. Du schenkst ihnen einen langen Frieden."
"Majestät, wie platzieren wir die Gäste?"
"Unser Leben gehört nicht uns, mein Lord. Das tat es noch nie."
"Schwört Ihr vor der zwölfgöttlichen Einheit, dass Ihr sie annehmt, liebt und ehrt?"
"Ich werde auf Dich warten, Geliebter."

Jetzt
Als sie die Ratskammer betrat, nahmen sich die beiden – Kaiser und Botschafterin – einen Moment Zeit, einander zu betrachten. Sie hatten seit mehr als einem Jahrzehnt nur noch Kontakt über Briefe gehalten. Seit sie die Spur gefunden und verfolgt hatte.
Tess trug enge und praktische Reisekleidung. Doch er konnte hier und da die feinen und kostspieligen Details erkennen. Geheime Taschen und Messerscheiden. Wie eine kleine Neckerei saß der Hut mit der übertrieben üppigen Feder auf ihrem Haupt und schrie: Seht mich an! Ich bin eine Gaunerin. Er vermutete, dass sie sich dieses Ding nur für diesen Besuch zugelegt hatte. Das passte zu ihrer Art Humor. Er wusste auch, dass sie nicht nur Messer in den Taschen hatte, sondern auch eine Vielzahl gefälschter Dokumente und Freibriefe, die Rowan ihr in den vergangenen Jahren hatte zukommen lassen, damit sie ihre Arbeit unbehindert von allen Gesetzen ausüben konnte.
Sie war drahtig geblieben, auch wenn sie schon immer an den richtigen Stellen angenehm weibliche Rundungen gehabt hatte. Und auch an ihr war das Alter nicht vorbei gegangen, auch wenn es gewiss nicht so hart zugeschlagen hatte wie bei Rowan.
Rowan war jetzt in einen dunklen, bodenlangen Brokat-Mantel gekleidet, der seine Fülle ein wenig verhüllte. Schon seit langer Zeit trug er einen dichten, grauen Bart, um die vom Wein rotgeäderten Wangen zu verbergen. Sein Haar war locker nach hinten gelegt. Weder war von der strohgelben Farbe seines Haares noch etwas zu sehen, noch von dem scharfen Blau seiner Augen, das nun einer verwascheneren Variante gewichen war. Von weitem hätte man ihn für das Abbild eines gutmütigen, alten Mannes halten können. Von Nahem erkannte man deutlich, dass er vor seiner Zeit gealtert war.
"Du bist fett geworden.", sagte sie mit einem herausfordernden Grinsen.
"Dein Hut ist lächerlich.", gab er knapp zur Antwort.
Sie nickte bestätigend und nahm ihn ab, während er sich den Mantel zuknöpfte, um seinen Bauch zu bedecken.
"Wollen wir gemeinsam essen und plaudern, oder willst Du gleich zu ihr? Ich jedenfalls habe einen Mordshunger.", offenbarte Tess den Erfolg ihrer Mission so beiläufig, dass es ihn fast zum Lachen brachte.
"Wo ist sie?"
Tess langte, ohne noch einmal zu fragen, zu, riss sich hier ein Stück Brot ab, da ein wenig vom kalten Fleisch und krönte das alles mit einer gelben Würzpaste aus einem prächtigen Töpferfass. Dann schaute sie sich suchend um.
"Immer noch keine Butter im Haus, eh?"
"Wo ist sie?", wiederholte er müde.
Sie lehnte sich zurück und genoss es wie immer, wenn sie die Oberhand in einer Situation mit mächtigen Menschen hatte. Sie gönnte sich einen Bissen und ihre Mimik gab zu verstehen, wie köstlich sie das Essen fand. Dann erst beschloss sie, seine Frage zu beantworten.
"Ich bin mit einer Kutsche gekommen. Weißt Du, wie schwer diese Dinger zu steuern sind? Kutschern sollte mehr Geld bezahlt werden, finde ich. Sie leisten harte Arbeit."
Sie unterbrach sich, um ihm die Gelegenheit zu geben, ihr zu sagen, dass sie zum Punkt kommen soll, damit sie ihm sagen konnte, dass er sie nicht rumkommandieren solle. Er sagte gar nichts. Sie fuhr fort.
"Sie steht im Stall. Ich hab den Stallburschen gesagt, dass Du sie alle auffrisst, wenn sie das Ding auch nur ansehen."
Er erhob sich und ging ohne ein weiteres Wort zur Tür.
"Mein Geld.", sagte Tess erneut beiläufig.
Rowan griff ebenso beiläufig in seine Manteltasche und warf ihr achtlos den prall gefüllten Beutel hin. Tess war zufrieden in doppelter Hinsicht.
Als der Kaiser den Stall betrat, erstarrten die Stallburschen zur Salzsäule.
"Raus!", befahl er. Sie taten nichts lieber. Er öffnete die Kutsche und betrachtete die Gestalt darin. Sie drängte sich an die hintere Wand. Ihre Hände waren gefesselt. Ihr Mund war geknebelt. Ihre Kleidung war dreckverkrustet. Ihr Haar war grau und zerfasert wie Spinnweben. Dennoch erkannte er sie. Und sie erkannte ihn. Das verrieten ihre vor Panik geweiteten Augen.
Tess hatte nicht gelogen. Da war sie. Sie hatte Lynn ermordet. Sie hatte Elyssa und Ronnel ermordet. Sie hatte Rowan ermordet.
Giselle Lamar war ebenfalls alt geworden. Seit der Rückeroberung Havenas durch Fionan Trevelyan – König Fionan selbstverständlich – war sie auf der Flucht gewesen. Das hatte seinen Preis gefordert.
Schon so oft hatte Rowan diesen Moment im Geiste erlebt. In seiner Vorstellung hatte er sie befragt. Warum habt Ihr es getan? Was war Euer Zweck? Wie konntet Ihr glauben, jemals davon zu kommen? Warum selbst das kleine Mädchen? Wie konntet Ihr einen kleinen Jungen und ein kleines Mädchen töten? Wie habt Ihr es getan? Was waren ihre letzten Worte? Was waren die letzten Worte Lynns? Musste sie mit ansehen, wie ihre Kinder ermordet wurden? Hat sie gekämpft und gefleht? Sich im Austausch gegen das Leben der Kinder zu allem bereit erklärt? Wem galten Lynns letzte Worte? Wer hat sie verraten? Wer waren Lamars Verbündete?
In seiner Vorstellung hatte sie ihm unter Tränen und Schmerzen all diese Dinge beantwortet, bis er wusste, was er hören wollte
"Beginnen wir.", sagte er, entfernte den Knebel und sie keuchte.
Rowan öffnete seinen Mantel wieder. Seine Hand fuhr zu seiner Hüfte. Dort fand er den Kurzdolch. Nur eine Notfallwaffe, im längeren Nahkampf nicht zu gebrauchen. Jetzt vollkommen ausreichend.
Ohne zu blinzeln drängte er mit der Linken ihren Kopf zurück, setzte mit der Rechten die Spitze an ihren Hals und dachte darüber nach, mit welcher Frage er beginnen sollte.
Dann schüttelte er den Kopf und versenkte die Klinge im Hals von Giselle Lamar. Sie schien zunächst nicht zu begreifen, was passierte, doch dann sah er diesen kleinen Moment der maßlosen Furcht in ihren Augen, als sie begriff, dass es nun soweit war. Als er die Klinge wieder herauszog, ergoss sich Giselles Blut über ihre Brust. Ihr Blick vernebelte sich. Sollte er noch einmal zustechen? Noch hundert mal?
Rowan sah nur stumm zu, wie sie verblutete und schließlich wie ein Sack in sich zusammensank.
"Hat sie etwas gesagt?"
Rowan hatte nicht gehört, wie Fiona in den Stall gekommen war. Doch da stand sie nun, hochgeschlossen und dunkel wie immer, das Amulett von Hesinde als einziges verbliebenes Merkmal ihrer Vergangenheit. Ihr Haar hatte sie zu einem gewundenen Zopf zusammengedreht, als wäre sie ein jungens Mädchen. Sie konnte es sich erlauben, ohne albern zu wirken. Ihr Gesicht war nach wie vor von so makelloser Schönheit, als wäre für sie keine Zeit vergangen. Ihr Leib war ein bisschen aus der Form geraten. Vier Geburten und sechs Schwangerschaften hatten ihre Spuren hinterlassen. Aber Fiona war gut darin, sich Kleidung auszuwählen, die ihre Vorzüge betonten und ihre Schwächen verhüllten.
Rowan schüttelte den Kopf.
"Ich habe sie nichts gefragt."
Fiona machte ein paar Schritte auf ihn zu, nahm ihm den Dolch aus der Hand und legte die andere an seine Wange. War sie größer als er? Ihm kam es so vor, als würde er zu ihr aufsehen. Sie roch so gut und war so voller Würde und Anmut. Und er wünschte sich erneut, der Tag wäre irgendwann einmal gekommen, an dem er sie so hätte lieben können, wie sie es verdiente.
"Fühlst Du Dich jetzt frei? Ist sie jetzt frei? Geht es Dir jetzt besser?", fragte sie und strich ihm sanft über das Gesicht.
Rowan betrachtete seine schöne, kluge und zutiefst liebenswerte Frau.
"Ich fühle gar nichts.", flüsterte er.
Fiona nickte sanft.
01.05.2015 20:08
Das ist so traurig! Aber schön geschrieben.
01.05.2015 21:22
Hach...ich mag ja solche Dramen. Trotzdem wäre es wohl besser, wenn Lynn lebt, sollte andernfalls _das_ aus Rowan werden.
Du hast Tess sehr gut getroffen und ich liebe dieses Detail mit dem Hut! Sie erwähnte ja mal dass sie sich genau so einen Hut als Piratin zulegen wollte :D
03.05.2015 00:30
Hm. Das Volk ist ja voll verrückt. Suchen sich ausgerechnet rowan als Herrscher. Man weiß doch ein guter Heerführer nicht unbedingt ein Herrscher ist.
03.05.2015 05:02
Du hast Recht. Gar keine Frage. Aber so als Gruppen-Synergie-Effekt ist das gar nicht so abwegig. Hoffen wir, dass es nicht dazu kommt.
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