Rowan Trevelyan
27.04.2015
Momper
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"...ernenne ich Lord Ciaran Trevelyan zu meinem Streiter.", schwebt die Stimme des fettleibigen Praoiten durch die warme Morgenluft wie Blütenpollen im Sonnenlicht.
Und plötzlich vergeht die Zeit langsamer.
Seine Worte streifen die beiden eilig errichteten Scheiterhaufen, die gleichgültig auf Cara und Rowan oder irgendwen warten. Sie umtanzen die gepuderte Perücke der Kaiserin Mutter, wie sie sie bei offiziellen Anlässen immer trägt. Sie winden sich um die aufgebäumten Ziegen und die wachsamen Rehe auf farbigen Bannern, hier und da gesellt sich ein Einhorn hinzu, weiter hinten Schwert und Schlüssel, der nach oben wachsende Apfel, der wachende Rabe. Und die Sonne. Viel zu dicht ist die Sonne und der feurige Löwe und die grüne Schlange. Und der verdammte schwarze Schwan.
Ciaran braucht einen Moment, um zu begreifen, was gerade geschehen ist. Er blickt zu Rowan und sucht einen Halt in der Ruhe seines jüngeren Bruders. Sie wollen, dass die Brüder einander im Zweikampf begegnen, auf Leben und Tod, im Namen eines gerechten Gottes. Dürfen sie das verlangen? Hat er nicht eine Wahl? Er ist Fionans ältester Sohn, sein Erbe, ein verdammter Trevelyan. Alle fürchten den kalten Zorn von Fionan. Was wird er wohl tun, wenn zwei seiner Söhne sterben? Rowan lächelt und nickt Ciaran sacht zu. Es ist also entschieden. Die Sonnen und die Schwäne haben das Fass zum Überlaufen gebracht und die Ziegen in die Ecke gedrängt. Es wird schlimm enden.
Rowans Bart kratzt ihm über die Nase, als der ihm den Bruderkuss auf die Stirn gibt, der vielleicht einen Abschied bedeutet. Dann hört Ciaran ihn flüstern. "Rücken an Rücken." Ciaran weiß, was zu tun ist. Dieses Manöver haben sie so oft geübt, als sie Knaben waren. Zwei Schritte. Drehung. Das Rascheln von Stoff und das feine Klirren der Kettenringe bilden in diesem Bühnenstück die Untermalung des hungrigen Hauptdarstellers, als Ciaran sein Schwert zieht und sich von Rowan wegdreht. Er kann das Lied von Rowans Klinge hören. Nun haben beide Darsteller die Bühne betreten. Das Schwert ist eine Blume, die aus Händen erwächst und rote Blüten hat.
Ciaran erblickt Vulpes, der die Hand an das eigene Schwert legt und die stämmigen Beine anspannt wie ein Bulle vor einem Rammstoß.
Rückwärts.
So sieht Hochverrat aus. Vier Männer in einem dunklen Zelt. Nein fünf. Immer vergisst Ciaran, dass der Kobold wieder da ist. Rowan, Ciaran, Elias, Vulpes und Nolan sind jetzt die Verschwörer. Werden sie die Namen in der Reihenfolge aufsagen, wenn sie hochnotpeinlich befragt werden? Nur der junge Elias scheint außer Ciaran noch Zweifel zu haben bei diesem Irrsinn. Doch dann nickt auch er. Was tun sie hier nur? Rowan verzichtet auf schwere Rüstung und legt den Waffengurt an. Er ist so entschlossen und weit weg wie noch nie. Dies könnte der Tag seines Todes sein. Dies könnte der Todestag eines jeden von ihnen sein. Bedenkt Rowan eigentlich, dass Ciaran nicht mehr nur für sich selbst lebt? Wird er Hügeltrutz jemals wieder sehen? Und Tress? Und Glendan? Und die süße, freche Isobel? Wie konnte es nur so weit kommen?
Vorwärts.
Elias bewegt sich leise durch die Reihen und sucht einen guten Angriffspunkt, bemerkt Rowan zufrieden, als er seine Drehung beendet. Der Junge schlägt sich gut und ist an der ganzen Aufgabe gewachsen. Er ist kein Spielball der Umstände mehr. Genau wie Cara. Die Soldaten unter den Ziegen- und Rehbannern stehen aber nur unbewegt da und blinzeln müde. Die Sonnenlegionäre, die den Inquisitor beschützen, sind wacher. Das Sonnenlicht ist ihr Freund. Wie freudlos ihr Leben sein muss, wenn sie es gewöhnt sind, zu so früher Stunde bereits hellwach und gerüstet zu sein. Sie spüren, dass etwas nicht stimmt. Auch die Geweihten von Rondra lassen ihre Blicke wandern. Den Grünkutten von Hesinde entgeht ohnehin nie etwas. Und auch die Kaiserin Mutter richtet sich ein bisschen auf. Sie ist eine Meisterin der Selbstdarstellung und tut so gut wie nie eine Geste unbewusst. Und da Rowan selbst eine Menge Erfahrungen auf dem Gebiet hat, erkennt er die kleinen Anzeichen ihrer aufrichtigen Anspannung.
"JETZT!", brüllt er, ehe sie den Überraschungsmoment verlieren. Das hier ist sein Plan. Sollen die Soldaten, die hinter Elias und Ciaran nach Weiden geritten sind, sehen, aus welchem Holz ihr neuer Anführer geschnitzt ist. Den ersten Stein muss er jetzt werfen. Rowan holt aus und versenkt sein Schwert tief in der Schulter des unbewaffneten Inquisitors. Wie würdelos Menschen aussehen, wenn sie erschreckt und verblüfft sind, weil ihre Titel und Namen sie plötzlich nicht mehr schützen. Wenn all jene, die der Inquisitor bereits befragt, gefoltert und lebendig verbrannt hat, sehen könnten, wie dümmlich sein fettes Gesicht jetzt aussieht, dann würden sie vielleicht lachen und sich fragen, wie sie jemals Angst haben konnten vor diesem alten, verängstigten Mann. Rasch treten seine Legionäre in den Kampf ein. Mit schnellen Schritten eilt Inculta hinzu und übernimmt die linke Flanke. Dank Ciaran muss Rowan auch nicht auf seinen Rücken achten und konzentriert sich auf den Bereich vor sich. Zeit für rote Sonnen. Und alberne Poesie, wie es scheint.
Rückwärts.
"Bist Du überhaupt in der Lage, jemanden zu töten?", fragt Ciaran und alle schauen zu Nolan. Wenigstens hat er ihn hier vor dem Kriegsrat nicht Kobold genannt. Aber Rowan hat ihn Kobold genannt. Sie alle haben diesen Blick, der verrät, dass sie ihn für einen weichen Schwächling halten. Das Nesthäkchen. Mutterkind. Und Tess ist dabei. Wie konnte er jemals annehmen, dass sie in ihm einen begehrenswerten Mann sehen könnte? Sie sieht ein unsicheres Kind. Wie alle.
Ciaran und Rowan. Er hat die beiden vermisst. Er hat Hügeltrutz vermisst. Mutter, Onkel Aidan, Glendan, Isobel, Großmutter und selbst Vater. Er hat sein altes Leben vermisst. Aber er hat begriffen, dass es für ihn nun vorbei ist. Er ist nicht mehr der Gleiche. Sie alle haben keine Vorstellung davon, was er alles erlebt hat, wie viel Unschuld er bereits verloren hat, wie viel Mut er aufbringen musste und wie schwer all dieses Misstrauen und die Schuld und die überältigende Enttäuschung einer Ablehnung wiegt. Sie sind nicht fast ersoffen. Sie wurden nicht von Verbrechern belacht, weil sie versuchten, das Gute und Richtige zu tun. Sie mussten nicht durch die Kloake schwimmen, um Stadtwachen zu entkommen, gesucht für ein Verbrechen, das sie nicht begangen haben. Und weder Ciaran, noch Rowan hatten jemals die Eier, sich Vaters Willen so sehr zu widersetzen wie er. Er ist nicht mehr der Kobold, und er lässt sich sicher nichts von den beiden vorschreiben.
Ist er in der Lage, jemanden zu töten?
Er wird einen Kaiser stürzen. Vermutlich wird er noch vor dem Ende viele töten müssen.
Vorwärts.
Die Lücke neben Ciaran muss geschlossen werden, sonst bietet sie einen zu großen Einfallwinkel für Angreifer. Natürlich gefällt ihm die Dramatik in dem Bild, das die drei Brüder nun bieten müssen. Aber deswegen tut er es nicht. Dieser Kampf muss gewonnen werden. Ciaran schaut ihn überrascht an. Nolan gibt jetzt einen Dreck auf das, was Ciaran oder Rowan sagen werden. Er blickt zur Gruppe um die Kaiserin Mutter. Ihre Leibwachen sind alarmiert und ziehen blank. Und hinter ihnen sind die anderen.
Tess. Ein kurzer Name und ein kurzer Stich. Das wird vergehen. Nähe ist Schwäche. Ruhe ist reizlos. Nolan Trevelyan ist reizlose Schwäche.
Damián. Anfangs war er nur ein hohler Schönling mit allem, was Nolan nicht hatte. Jetzt hat er Fiona die Treue geschworen und unterstützt sie bei allem, was sie tut. Für sie hat er seine Ehre entdeckt, und das muss Nolan respektieren. Was hat Damián nur davon? Er ist eine wunderschöne Katze. Er passt viel besser zu Tess. Die beiden segeln in den Sonnenuntergang und haben ein Schiff voll reicher Beute. Das ist nicht reizlos.
Fiona. Sie ist die wandelnde Erinnerung an die Schuld, die beglichen werden muss. Wie gut sie sich als Kaiserin machen würde. Es ist nicht nur ihre Anmut und ihre bedachte Art. Ihr Name ist stärker, als sie denkt. Menschen würden ihm folgen. Menschen folgen ihm bereits. Sie ist eine, die man lieben kann und der man dienen möchte. Damit übertrifft sie die Kaiserin Mutter in allem. Und den Kaiser selbst übertrifft sie ohnehin.
Fiona hat eine kleine, gespannte Armbrust in den Falten ihrer Robe, wie Nolan weiß. Ein Notfall-Schuss Gift für die Lady, die wie ein kleiner Wundervogel in einem Käfig neben der kaiserlichen Hure auf ihre Freiheit wartet und die Welt nicht mehr versteht, als die Situation eskaliert. Die Lady braucht kein Gift mehr. Aber Fiona hat immernoch welches. Und sie steht hinter der Frau, die zwischen ihr und dem blassen Knaben auf dem Kaiserstuhl steht.
So ist Hochverrat. Und natürlich sind die Trevelyans verstrickt.
Da kommt Bewegung in die Massen, als Rowans Plan und seine feurigen Worte Früchte tragen. Ziegen und Rehe und Einhörner und Schwert und Schlüssel und Äpfel und Raben werden heute Sonnen und Schwäne fressen.
Und dann kommt der Schlag, dem Nolan nicht ausweichen kann. Der Schlag, der seinen Arm zerbricht und die Hand taub werden lässt. Schon holt der Legionär zu einem weiteren Schlag aus.
Das ist der Moment, an dem man begreift, dass man stirbt, denkt Nolan noch, als er sich vorstellt, was im Körper geschieht, was alles verwundet wird, wenn eine Klinge eindringt. Doch sein Schwertarm gibt jetzt einen Dreck auf das, was Nolan denkt und folgt seinen gelernten Reflexen, als die Klinge zur Parade hochfährt. Wie oft wird das wohl noch gelingen, bis es zuende ist?
Das ist Irrsinn, denkt Ciaran noch, als er den Hieb eines namenslosen Sonnenlegionärs abwehrt und sieht, wie die Kaiserin Mutter zu Boden stürzt. Doch nun sind sie viel zu weit gegangen, um noch umzukehren. Sie hätten Rowan einfach seinen Kampf gegen den Hünen geben sollen. Nun werden mächtige Männer und Frauen bluten. Auf beiden Seiten.
Es darf jetzt nicht kippen, denkt Rowan noch, sie müssen unserem Beispiel folgen und begreifen, dass Namen und Wappen niemanden schützen, dass sie jetzt nur noch Stärke und der Weg nach vorn rettet. Ihm fällt ein Stein vom Herzen, als er sieht, dass die Truppen der Trevelyans und Carnabys den Kampf gegen die kaiserlichen Wachen aufnehmen und mit ihm gemeinsam Hochverrat begehen. Damit haben sie ihn als Anführer akzeptiert. Dann ist er heute unsterblich. Er wird leben. Er wird zu Lynn und den Kindern zurückkehren, und gleich wo sie jetzt sind, er wird Könige, Kaiser und Priester verbrennen, wenn sie sich ihm in den Weg stellen. Heute hat er allen Feinden und Verbündeten und selbst den Göttern gezeigt, wie weit er gehen wird. Sollen sie sich nun entscheiden, ob sie mit ihm gehen oder ihn wirklich aufhalten wollen.
Die Geschichte wird immer vom Sieger geschrieben. Und Rowan hat nicht die Absicht, zu verlieren.
27.04.2015 10:56
Ochgott....Nolan ist doch keine reizlose Schwäche...da möchte man ihn ja am liebsten sofort in den Arm nehmen.
27.04.2015 14:08
Wow. Wahnsinnig toll. Ich liebe die Atmosphäre und Einblicke. Du hast unglaublich gut den Moment aufgefangen in dem alles eskaliert ist und jeder für sich die Entscheidung getroffen hat, dass Rebellion die einzig mögliche Konsequenz ist.
27.04.2015 23:31
Sehr schön geschrieben mit vielen Bildern im Kopf und gar nicht alberner Poesie. :)  Hat Spass gemacht beim Lesen und ein paar Einblicke eröffnet.
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