The Blues
23.02.2012
Momper
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Meek hatte seinen Stamm noch nie komplett versammelt gesehen. Jetzt aber bemerkte er, wie die Augenpaare der anderen nach und nach leuchtend aus der Dunkelheit erschienen. Es fühlte sich beeindruckend und gleichzeitig beruhigend an, seine gesamte Verwandtschaft hier zu wissen. Nach der Tradition des Stammes brachte jedes Mitglied den Neugeborenen etwas Lebensnotwendiges bei. Also hatte er jeden von ihnen schon kennen gelernt, aber dass sie jetzt alle hier waren, gab diesem Moment eine überwältigende Bedeutung. Der Totenritus. Es war das erste Mal, dass Meek ihn erleben würde.
Drei Mitglieder des Stammes waren getötet worden. Lismi, Rannad und Tesla.
Schlimmer noch war allerdings, dass es Meek gewesen war, der ihre zerbrochenen Körper entdeckt hatte, als er kurz nach Ende der Graustunde mit dem Älteren Fizzler schon auf dem Weg in die Unterkunft gewesen war.
Er hatte alle drei gekannt und spürte die alles verdunkelnde Traurigkeit und den Zorn in sich aufsteigen, obwohl er keinem von ihnen besonders nahe gestanden hatte. Aber sie waren seine Verwandten. Die zahnlose Roska hatte ihm ganz am Anfang einmal erklärt, was es bedeutete, miteinander verwandt zu sein. Jetzt spürte er es. Und er wagte nicht, auch nur einen Muskel zu bewegen, weil er befürchtete, dass er die Toten beleidigen würde, wenn er sich rührte.
"Du wirst noch ganz steif werden, Kleiner.", raunte Fizzler, der sich müde neben ihm auf dem kleinen Dachvorsprung positioniert und mit ihm auf die Ankunft der anderen gewartet hatte. Und als ob er seine Gedanken erraten hätte, fügte er hinzu: "Sie werden es Dir nicht verübeln, wenn Du Dich mal ein bisschen streckst."
Wie um es zu beweisen spreizte der Ältere seine Pfoten so weit auseinander, dass seine Krallen aus dem verfilzten Fell hervorlugten. Meek tat es ihm gleich und konnte ein wohliges Schnurren nur mit großer Willensanstrengung unterdrücken, als seine versteiften Muskeln sich lockerten und eine Welle der Entspannung durch seinen Körper fuhr.
In diesem Augenblick stieß Fizzler ihn sanft in die Seite, und Meek öffnete erschreckt die Augen. Der Ältere deutete auf die Straße. Dort auf dem feuchten Kopfsteinpflaster war nun die graue Gestalt von Siam zu sehen, der sich geschmeidig und lautlos durch die Nacht bewegte. Begleitet wurde er von Railegh, Nosri und Trench, seinen Jungen. Er beschnupperte die Toten, die noch immer dort lagen, wo Meek und Fizzler sie gefunden hatten. Dann hob er den Kopf. Meek konnte im Licht der gelben Straßenlaterne deutlich das zerfurchte Gesicht des Älteren erkennen, die kahle Stelle über dem linken Auge und das zerrissene rechte Ohr. Er fragte sich nicht zum ersten Mal, was die Geschichten dazu waren.
„Wer hat die drei hier gefunden?“, knarrte Siams Stimme durch die Nacht und übertönte problemlos die Straßengeräusche.
„Der Jüngere hier.“, antwortete Fizzler und gab Meek einen Stups, wodurch er gezwungen war, vom Dach zu springen. Der Ältere folgte ihm. Beide machten keine Geräusche.
Siam musterte Meek, wand sich dann aber wieder an Fizzler.
„Ich gehe davon aus, dass nicht dieser Jüngere zur Versammlung gerufen hat.“
„Gerufen habe ich, Großer. Gefunden hat er.“
„Hat einer von Euch sie berührt?“
Fizzler zog das Maul breiter und stieß ein leises Fauchen aus, was dem Ausstoßen einer bedrohlichen Herausforderung sehr ähnelte.
„Natürlich nicht, Siam. Ich kenne die Regeln, und dem Jüngeren bringe ich sie gerade bei.“
Siam schwieg einen Augenblick und signalisierte so, dass er keine Herausforderung erkennen wollte. Dann sah er Meek an.
„Hast Du gesehen, was mit ihnen geschehen ist?“
„Nein, Älterer.“, antwortete er wahrheitsgetreu.
Siam betrachtete die Toten noch einmal. Dann erhob er noch einmal die Stimme, so dass alle sie hören konnten.
„Zwei Schwestern und ein Bruder haben heute ihr Leben beendet. Nun ist es unsere Pflicht, sie nach den Traditionen des Eisenbruchstammes wieder in die Familie aufzunehmen.“
Damit war gesagt, was gesagt werden musste, und Meek bemerkte, dass sich alle anderen, die bis eben noch still in den Schatten der Gebäude gesessen und beobachtet hattet, in Bewegung setzten und auf die drei Toten zugingen.
„Was muss ich jetzt machen, Älterer?“, flüsterte er Fizzler zu.
„Sieh einfach zu. Dann wirst Du es verstehen.“
Als Meek den Blick wieder auf Siam und seine Jungen richtete, sah er, dass der Ältere sein Maul tief in eine der Wunden gesteckt hatte und begann, Fleisch von dem Körper abzuziehen.
Natürlich, ging es Meek durch den Kopf, wir nehmen sie wieder in die Familie auf, weil sie… weil sie sonst verloren gehen.
Er hatte keine Ahnung, woher er das plötzlich wusste. Er blickte zu Fizzler, der ihn seinerseits beobachtete und dann zufrieden einmal über die Stirn des Jüngeren leckte. Dann begab auch der Ältere sich zu den Toten, von denen Meek inzwischen nicht mehr viel erkennen konnte. Gerade wollte auch er sich zu den anderen gesellen, als eine Stimme hinter ihm zu hören war, die er als die der zahnlosen Roska erkannte.
„Es ist zu spät.“, rief sie, und Meek war überrascht, zu welcher Stärke die Stimme der Ältesten noch in der Lage war.
Alle blickten jetzt zu ihr.
„Was meinst Du damit, Älteste?“, knurrte Siam zornig und leckte sich Blut von der Schnauze.
Die zahnlose Roska leckte über die linke Pfote – jene, die noch nicht vom Knochenfrost gelähmt war - und gab Siam so das Zeichen, dass sie seinen Zorn nicht fürchtete. Erst nach ein paar Augenblicken sprach sie weiter, nun wieder leiser.
„Sie sind bereits verloren gegangen.“
Ihre trüben Augen fixierten Siam.
„Wie redest Du da, Älteste? Sie sind nach den Traditionen…“, hob er an, doch er wurde unterbrochen.
„Wage nicht, mein Wort in Frage zu stellen, Siam!“, fuhr Roska hoch und hob die gesunde Pfote. Siam legte die Ohren an, sank aber in eine kauernde Position. Dann erst fuhr die Älteste fort.
„Ich weiß es. Ich kann ihre Anwesenheit nicht mehr spüren.“
„Wie kann das geschehen?“, entfuhr es Meek, dem erst viel zu spät bewusst wurde, was er da tat. Noch ehe irgendwer etwas sagen konnte, nahm er die gleiche zurückgenommene Haltung ein wie Siam. Alle blickten nun ihn an.
„Jemand hat sie mitgenommen, Jüngster.“, sagte Roska leise. Dann hob sie den Blick wieder zum versammelten Stamm.
„Die drei, die heute alle Leben verloren, waren seit einiger Zeit die Hüter des dritten Tores. Ich habe es angesehen. Das Siegel ist gebrochen. Und was dahinter war, ist nun frei.“
Meek und Siam hoben zeitgleich den Blick und taten, was alle anderen auch taten: Sie starrten Roska an und schwiegen.



Das Telefon klingelte zum dritten Mal. Wer auch immer da anrief, war hartnäckig. Und jemand, der keinen Schlaf brauchte. Sie fand den Lichtschalter und eilte zum Telefon. Mit der rechten Hand nahm sie den Hörer ab, während sie mit der linken ihre Augen vor dem Licht schützte.
„Hallo?“
„Spreche ich mit Doktor Penelope Norris?“, hörte sie eine Männerstimme
„Nein. Ich bin ihre geistesgestörte Zwillingsschwester, die sich im Gegensatz zu ihr nicht zurückhält, Leute auf unaussprechliche Weise umzubringen, die so dreist sind, mitten in der Nacht um…“, sie warf einen Blick auf die Uhr, „halb 4 anzurufen und es nicht bei dem einen Mal bewenden lassen können.“
„Tja, hallo! Kann ich jetzt Ihre Schwester sprechen?“
Penelope verschlug es tatsächlich die Sprache. Sie blinzelte das Telefon an, ehe sie antwortete.
„Ich fürchte, Sie werden mit mir Vorlieb nehmen müssen.“
Der Mann am anderen Ende seufzte.
„Also schön, Doktor Norris, ich würde ja gern dieses kleine Spiel noch spielen, aber was ich Ihnen zu sagen habe – oder besser: was ich Ihnen zu zeigen habe – ist eilig. Schalten Sie Ihren Computer an.“
Jetzt war der Bursche ihr doch ein bisschen zu dreist.
„Ich glaube, ich lege jetzt auf. Da Sie meine Nummer ohnehin schon haben, rufen Sie zu einer Tageszeit an, zu der ich auch wach bin.“
Gerade wollte sie die Verbindung unterbrechen, und sie hatte den Hörer schon vom Ohr genommen, als sie ihn noch sagen hörte:
„Es geschieht wieder.“
Ein Impuls in ihr drängte sie dazu, den Hörer einfach aufzulegen und so zu tun, als hätte sie es nicht gehört. Dann hob sie ihn wieder an ihr Ohr.
„Wovon zum Teufel reden Sie?“
„Ich habe ein Video, das eine meiner Kameras in der letzten Nacht aufgezeichnet hat.“
„Eine Ihrer Kameras?“
„Das ist… egal. Ich habe Ihr Buch gelesen. Ich glaube Ihnen.“
Penelope spürte, wie ihr die Kälte das Rückgrad herunter wanderte. Der Mann gab ihr Gelegenheit, etwas zu sagen. Als sie sie nicht nutzte, fuhr er fort.
„Katzen, Doktor Norris. In meinem Viertel. Sie haben genau das seltsame Verhalten an den Tag gelegt, das Sie in Ihrem Buch beschrieben haben.“ Er blätterte hörbar und schien etwas zu suchen. Dann setzte er wieder an. „Kannibalismus und so etwas wie rituelle Versammlung.“
Penelope legte die freie Hand über ihre Augen.
„Jedenfalls möchte ich Ihnen das Video zukommen lassen. Vielleicht…“ Er seufzte, „Hören Sie, ich weiß, was Ihnen passiert ist. Aber das hier ist vielleicht endlich ein Beweis.“
Sie atmete noch einmal tief ein.
„Wie heißen Sie eigentlich?“, fragte sie.
„Graham.“
„Also schön, Graham. Überstürzen wir nichts. Zeigen Sie mir die Aufnahme. Aber machen Sie sich drauf gefasst, dass gerade ich mehr als kritisch sein werde. Und wenn ich finde, dass es nur Müll ist, dann werde ich Ihnen das genau so sagen. Ich werde nicht noch einmal Zeit an solchen Unsinn verschwenden.“
„Sie werden es nicht.“
„Was?“
„Finden, dass es Müll ist.“
„Überlassen Sie diese Entscheidung mir.“
24.02.2012 12:53
Sehr nice...bin gespannt wies weiter geht.
24.02.2012 13:45
Es ist als offene Fortsetzungsgeschichte geplant. Wer sich also berufen fühlt, kann gern weiter schreiben.
25.02.2012 00:13
Wow! Coole Athmosphäre! :)  Da bin ich ja auch mal gespannt!
25.02.2012 00:20
Nicht nur gespannt sein, auch fortsetzen.
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