Fiona de Voine
27.04.2015
Sonnata
Kommentare: 6
Sie schaute über den Wald und den Abhang herunter, an dem sich die Strasse in einem sanften Bogen vorbeischlängelte. Die Wärme der Sonne begann nachzulassen und ihr Licht tauchte alles in ein orangenes  Glühen. Beiläufig strich sie sich eine graue Strähne ihres langen Haares hinter das Ohr und kratzte sich gleich darauf am Kopf. Verdammte Läuse!
Unvermeidlich. Trotzdem lästig.
Sie seufzte und zog die Lumpen zurecht, auf denen sie Platz genommen hatte. Meistens war sie es, die den Ausguck besetzte.
Ein junger Mann näherte sich, mühte sich den Abhang hinauf zwischen dem Gestrüpp hindurch und Fiona wandte den Kopf, um den Verlauf der Strasse ein Stück in Richtung Nordosten zu überwachen. Ja. Sie lächelte. Eine Staubwolke. Ein Tross, oder eine Kutsche.
Der junge Mann erreichte die kleine Lichtung vor ihrem kleinen Lager aus Lumpen.
"Mutter?"
Sie nickte ihm zu. "'s gibts?"
"Fernan sagt 'ne Kutsche."
Sie lächelte wieder. "Hab schon geseh'n. Wappen?"
"Is noch zu weit."
"Wenns 'ne Ziege is' macht sie nieder."
Der junge Mann blinzelte ungeduldig. "Weißich doch."
"Die sin' reich."
"Ich weiß."
"Na wenn du schon alles weißt, was machste dann hier oben?"
Er wandte sich schon halb zum Gehen.
"Weiß doch, daß du alles wissen willst, was los is'."
"Da haste verdammt recht. Schick Fernan, sobald er's Wappen erkennen kann."
Er schmunzelte. "Zu Befehl, Mutter."
"Wie oft hab ich dir gesagt, daß du mich Kaiserin oder eure Majestät nenn' solls."
Aber er hatte sich schon umgedreht und ein Stück weit entfernt und tat so, als höre er sie nicht.
Ein süffisantes Frauenlachen ertönte hinter ihr und parodierte sie liebevoll neckend.
"Eure Majestät?"
Sie lächelte zufrieden und nestelte an einem kleinen Beutel, aus dem sie sich etwas in den Mund steckte und begann zu kauen.
"Da haste richtig gehört. Eure Majestät, auch für dich."
Sie spuckte zur Seite aus. Der erste Bissen war immer so bitter.
Die andere Frau zauste ihr zärtlich das Haar. "Kaust du schon wieder das Zeug? Das erweicht dir noch den Verstand."
Fiona drehte den Kopf und schenkte ihr ein warmes Lächeln. "Ah, halt die Klappe, Narbengesicht!"
Die andere erhob sich und wandte sich zum Gehen, als Fiona hinzufügte: "Geh lieber mal nach dem Essen sehen."
Die andere drehte sich nach ihr um. "Mach ich auch, Hure. Aber weil ich es will, und nich' weil du's gesagt hast!"
Fiona prustete plötzlich vor Lachen. "Weissu, Giselle, manchmal bissu echt witzig!"
Die andere machte im Weggehen nur noch eine wegwerfende Handbewegung.
Fiona wandte sich wieder der Strasse zu. Die Staubwolke war inzwischen näher gekommen. War es  nun wirklich eine Kutsche, oder ein Tross? Die letzte Beute war mager gewesen. Ein guter Fang wäre ganz nett, um die Moral der Rotte wieder zu heben.
Fiona spuckte wieder aus und kaute weiter.
Wenn es wirklich das Ziegenwappen war...
Ihre Gedanken wanderten zurück zu jenen Ereignissen vor knapp zwanzig Jahren.
Sie hatte sich dem Tross angeschlossen, um den Magister der Magister Padrick dabei zu unterstützen, ein Gottesurteil zu überwachen. So viele Möglichkeiten hatte sie gewittert, so viele Gelegenheiten gesehen, mehr zu erfahren. Mehr über ihre Familie und alles, was Geschehen war, das zum Verlust ihrer Familie geführt hatte.
Nachdem die Carnabys befreit waren, hatte sich der Tross nach Gareth gewandt. Die Kaiserin wurde für ihre Verbrechen verurteilt und Fionan Trevelyan kam nach Gareth, um Nolan beim Kaiser als neuen Herzog von Weiden bestätigen zu lassen.
Er brachte auch Kunde aus Albernia.
Giselle Lamar war besiegt und verurteilt. Was er unter vier Augen mit Rowan besprach erfuhr sie nie, aber man konnte Rowans laute zornige Stimme überall im inneren Hof hören.
Im Anschluss an die feierlichen Ernennung Nolans zum Herzog von Weiden erhob sich Fionan und der Saal war so still, daß man eine Stecknadel fallen hören konnte.
Und dann verkündete er die Verlobung und Heirat Rowan Trevelyans mit Fiona de Voine.
Entsetzt hatte Fiona zu ihm herüber gesehen. Wie konnte er diese Unmöglichkeit einfach als Tatsache im Zeremoniensaal verkünden?
Sie hatte begonnen zu protestieren. Er hatte sie nur angesehen. Er hatte nicht einmal gesagt: "Ich dulde keine Widerworte." Oder: "Es ist zwecklos zu diskutieren, es ist beschlossen." Er hatte sie einfach nur angesehen, als hätte sie gar nichts gesagt.
Sie erinnerte sich auch an Rowans Ausdruck, als sie hilfesuchend zu ihm herüber gesehen hatte. Mühsam unterdrückter Zorn strahlte von ihm aus, den Mund hatte er fest zusammen gepresst, blanke Mordlust in den Augen.
Sie erinnerte sich kaum noch an Fionans folgende Rede. Irgendetwas von Verschwörung und Hochverrat und Verbrechen gegen die Krone und die kaiserlichen Majestäten. Er werde jedoch Gnade vor Recht ergehen lassen und zeigen, daß er in der Lage sei, zu verzeihen. Das  werde er durch die Heirat bekräftigen, die junge Frau sei nur durch Lügen verblendet gewesen und die älteren hätten ihre Gutgläubigkeit ausgenutzt und mit dunkler Hexerei ihre Sinne verdreht. All das war ein einziger Alptraum. Betäubt hatte Fiona die weiteren Ereignissen nur noch wie aus weiter Ferne beobachtet.
Wie die Wachen Benedikte vorgeführt hatten, die man in Ketten gelegt hatte. Wie man ihr den Prozess machte und sie alles zugab und noch mehr erzählte und wie sie dann wieder abgeführt wurde.
Aber sie erinnerte sich noch genau an den Blick in Benediktes Augen, die ihr schweigend sagten: "Siehst du? Ich habe es dir doch gesagt! Sie sind verdorben und nun ist alles dahin."
Man brachte Fiona in eine kleine Kammer mit einer kleinen Pritsche. Bequemer, als eine Zelle, aber doch ein Gefängnis.
Als sich die Tür öffnete, dachte sie zuerst, man brächte ihr Essen. Als sie aber den Blick hob, da stand er in der Tür. Rowan.
Er schloss die Tür hinter sich und begann zu reden. Er erzählte von den Taten der Lamars und daß er wußte, daß sie sich mit de Voine verschworen hatten. Er sprach von seinem Zorn auf alle, die den Namen Lamar trugen. Und daß er keinen Unterschied mehr zwischen Lamar und de Voine machte. Er sprach davon, ihr alles zu nehmen, was ihr lieb und teuer wäre. Alles, was sie noch hatte. Und dann nahm er ihr auch noch ihre Ehre.
Als er schließlich gegangen war, hatte sie sich in den Schlaf geweint. Mitten in der Nacht war sie aufgewacht und hatte eine verzweifelte Flucht aus  ihrem Fenster gewagt. Das  Bettzeug war gut genug, um daran herunter zu klettern, nur das letzte Stück mußte sie springen.
Der Knöchel schmerzte auch heute noch ab und zu. Wie durch ein Wunder entdeckte niemand, wie sie durch den Hof humpelte und entsetzt vor dem Galgen stehen blieb, um zu begreifen, wer dort vor ihr in der Dunkelheit schwebte. Sie hatte keine Zeit. Sie stahl ein Pferd aus dem Stall und machte sich davon. Sie hatte alles verloren.
Sie dachte nicht gern an jene Zeit zurück. Manchmal erinnerte sie sich an Benediktes Gesicht. An ihren letzten Blick in ihre Augen. Sie seufzte.
"Ach hätte ich doch auf dich gehört." murmelte sie.
Fernan, der vor ihr aus dem Unterholz trat, war eine willkommene Ablenkung.
Sie nickte ihm auffordernd zu. "Und? Wappen?"
"Keins. Aber es is' 'ne Kutsche. Nur eine. Kein Geleitschutz."
Er grinste. "Allein das Pferd wär's wert."
"Nur eine Kutsche? Was'n für eine?"
Er zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung. Ne schwarze. Vorne sitzt so'n heruntergekommener Kutscher mit großem schwarzem Hut. Zylinder."
Fiona blinzelte kurz und fröstelte. Ihre Antwort war kurz und knapp:
"Passieren lassen."
"Was? Aber..."
"Passieren lassen sag ich! Jetz' halt die Fresse und tu', was ich sage! Sag's den anderen! Wehe euch, wenn sich auch nur einer sehen lässt! Wo is' Liam?"
Er verzog das Gesicht. "Unten anner Strasse, wo er immer is'."
"Schick ihn mir rauf."
"Was'n los?"
"Haste Dreck in den Ohren? Warn die anderen und schick mir Liam! Jetz' beweg dein' Arsch, bevor ich richtig wütend werde!"
Der junge Mann rollte entnervt mit den Augen, machte sich aber dann auf den Weg bergab.
Fiona zog die Lumpen höher um ihre Schultern. Ihr war plötzlich kalt.
Der unheimliche Mann in der schwarzen Kutsche war dort unten! War er auf der Suche nach ihr? Holte er sie nun? Er durfte sie nicht finden. Und wichtiger noch: Er durfte Liam nicht finden. Jedenfalls nicht vor ihr. Nicht ihren erstgeborenen Sohn.
Sie legte sich auf die Seite und schmiegte sich in die Decken. Sie steckte sich noch einen der Bissen aus ihrem Beutel in den Mund und spürte diese weiche Leichtigkeit durch ihren Körper fluten. Liam. Vielleicht würde sie ihm jetzt ein paar seiner Fragen beantworten. Bevor der Schatten der schwarzen Kutsche auf sie fiel. Er war genauso neugierig, wie sie in seinem Alter gewesen war. Immer war sie ihm ausgewichen, aber vielleicht war jetzt der Zeitpunkt gekommen, ihm von seinem Vater zu erzählen. Und von der Nacht der Gewalt vor knapp zwanzig Jahren, als er gezeugt worden war.
27.04.2015 23:27
Erm... was????
Und warum nennt sie DIESES Kind ausgerechnet Liam?
Obwohl... das ist dann so umgekehrte Selbstironie-Täuschungs-Dings, oder?
27.04.2015 23:31
Und viel wichtiger noch: Wenn Rowan Fiona DAS in seinem Wahn angetan hat, wieso lebt Giselle dann noch?
28.04.2015 00:01
Giselle wird nicht ohne Grund "Narbengesicht" genannt.
Und übrigens: Das ist das, was "love the way you lie" mit meinem Verstand anstellt. Ich hatte das den ganzen Tag im Kopf! O.o
28.04.2015 06:53
Dann bin ich ja froh, dass ich's gepostet hatte. Absolut cooler Blog! Arme Fiona!
28.04.2015 09:22
Uh wow. Das ist ja schon ganz schön krass... Na, mal schauen, was noch passieren wird. Muss ich jetzt auch eine Diferent version schreiben? :)
28.04.2015 11:23
Unbedingt!
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