Kate Daring
28.11.2011
Dani
Kommentare: 4
Kate verlangsamte ihre Schritte und blieb schliesslich ganz stehen. Mit einem leichten Frösteln blickte sie die winterliche Waldstraße entlang nach vorne, wo ihre beiden Begleiter gerade das Auto erreichten, das dort am Strassenrand parkte. Michele legte grade eine Hand auf das kühle Metall des Wagens, und sah seinem geisterhaften Erinnerungs-Ich zu, wie er sich die Hände abklopfte und mit leicht gerötetem Kopf das schmale Ufer eines kleinen Tümpels wieder hinaufstapfte. Kate warf einen Blick auf die Wasseroberfläche, die sich langsam wieder beruhigte. Sie hatte auch aus der Entfernung recht gut erkennen können, was Michele da in einen alten Teppich gerollt aus dem Kofferraum seines Autos gewuchtet hatte, um es dann ächzend durch den Schnee zu schleifen und schliesslich in das kalte, dunkle Wasser rutschen zu lassen.
Ein vergessenes Grab für einen Namenlosen.

Ein Schaudern durchlief ihren zierlichen Körper, das nicht nur von der klirrend-kalten Luft kam. Ihr Atem zeichnete kleine Wölkchen in die winterliche Stille, während sie ihren Blick wieder auf den echten Michele richtete. So sehr sie seine anderen Erinnerungen, die sie vorher gesehen hatte, überrascht hatten - die Tatsache, dass dieser Mann ein Vater war, und sein liebevoller, fast schon zärtlicher Umgang mit seiner Tochter - so wenig tat es diese Szene hier.
Eigentlich hatte sie es die ganze Zeit schon gewusst, oder zumindest geahnt. Er machte sich ja nicht einmal die Mühe. sein Wesen zu verbergen oder sich zu verstellen. Dieser Italo-Amerikaner schien gradewegs aus einem Coppola-Film gestiegen zu sein, und ständig darum bemüht, auch wirklich das letzte abgedroschene Mafiosi-Klischee zu erfüllen.
Michele war ein Krimineller, ein Echter. Ein Schläger. Ein Räuber.
Ein Mörder.

Kate löste ihren Blick von ihm, als auch Credo den Wagen erreichte und die beiden dem schwitzenden Mann zusahen, der durch den tiefen Schnee keuchend wieder in Richtung des Wagens stapfte. Sie drehte ihren Kopf und sah über ihre Schulter nach hinten, wo die verschneite Strasse in einiger Entfernung in grauem Nebel verschwand.
Was mochte dort warten? Und vor allem...wer? Gab es hier noch andere wie sie? Eine andere Kate, die einsam und verloren durch dieses Meer an verlorenen Erinnerungen wanderte, nur umgeben von den Schatten der Vergangenheit? Oder war dort vielleicht irgendwo...
Der Gedanke an Tom versetzte ihrem Herzen einen Stich. Sie wussten immer noch nicht viel über das Leben, das sie vor diesem virtuellen Alptraum gehabt hatten, aber...dieser Erinnerungsfetzen auf dem Dach hatte eine Saite tief in ihr zum Schwingen gebracht, hatte den frostigen Reif der sich darum gelegt hatte zerbrochen und füllte sie nun mit einem leisen, aber beständigen Ton irgendwo in ihrem Innern.

"Kate?"
Credos Stimme riss sie aus ihren Gedanken, und hastig sah sie wieder nach vorne. Die beiden Männer machten sich grade daran, in das Auto des Erinnerungs-Michele zu steigen, und während es sich der echte Michele neben seinem Spiegelbild auf dem Beifahrersitz bequem machte, ragte Credo aus der geöffneten Hintertür und sah sie fragend an.
Kate presste die von der Kälte spröde gewordenen Lippen zusammen.
Credo.
Der schlaksige, manchmal fast etwas unbeholfene Mann mit der Brille, der aussah, als könnte er kein Wässerchen trüben.
Er war ihr ein ums andere Mal ein Halt gewesen in dieser Scheinwelt. Und auf den ersten Blick schien er auch das genaue Gegenteil zu dem impulsiven, jähzornigem Mafiosi zu sein, der in zweifacher Ausführung den Vorderteil des Autos belegte. Aber er war ihr auch immer ein Rätsel geblieben. Ein Teil von ihm schien in geheimnisvollen Schatten zu wandeln, stets darauf bedacht, von keinem noch so winzigen Lichtstrahl gestreift zu werden.

"Kate?! Kommst du?"
Ihre mittlerweile fast blutleeren Lippen entspannten sich wieder und öffneten sich einen kleinen Spalt, aus dem eine kleine Wolke kondensierter Luft strömte.
Auch Credo war ein...Mörder.
Sie hatte es gesehen. Und hatte er nicht schon vorher zugegeben, dass er Bomben gebaut hatte in seinem echten Leben? Etwas, dass überhaupt nicht zu diesem stillen Mann passte, der so sanftmütig und bedacht wirkte. Vielleicht hatte sie es deswegen nicht wahrhaben wollen. Es ignoriert, solange es nur Worte gewesen waren, ohne Belang, ohne Beweis.
Aber jetzt hatte sie es mit eigenen Augen gesehen.

Unbewusst sah sie wieder hinter sich. Die Strasse lag still und erstarrt da. Der Nebel würde gleich näherrücken, sobald das Auto losfuhr, das wusste sie. Was würde dort auf sie warten?  Kate seufzte. Was auch immer es war, die Wahrscheinlichkeit war erdrückend hoch, dass sie dort ganz allein sein würde, das wusste sie.
Das tiefe Aufbrummen eines startenden Motors zerriss die dumpfe, frostige Stille. Ihr Kopf ruckte wieder zum Auto. Credo sah sie noch immer abwartend an.
Noch ehe sie sich dessen bewusst war, hatten ihre Füsse sich schon zögerlich in Bewegung gesetzt. Nein...sie würde bei den beiden bleiben. Sie würde...
Ihr Schritt festigte sich, während sie mit gesenktem Kopf und die Arme eng um ihren schlanken Oberkörper geschlungen auf das Auto zulief.

Jemand musste dafür sorgen, dass die beiden Männer dort das Mesh nicht wieder verlassen würden.
Nie wieder.
28.11.2011 22:06
Woah! Wie schön das wir alle ein und dasselbe Ziel haben *g*
28.11.2011 22:26
Haben wir nicht? *unschuldig lächel*
28.11.2011 22:27
Sehr cool geschrieben! Da Ende hat mich tatsächlich überrascht. Die Ereignisse spitzen sich also zu, und nicht mal ich kann erahnen, wie das alles endet. Und wer am Ende gegen wen steht.
29.11.2011 00:41
Wunderschön geschrieben! Aber: Da fragt sich noch jemand, warum Credo paranoid ist? Anscheinend hat er ja einfach mal Recht damit! :D
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