Damián
09.05.2015
Änn
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„Bitte Makosch, lass mich gehen und helfen, die Vorräte aufzufüllen!“ Es war ein inbrünstiges Flehen. „Ich habe das Gefühl, Haya lässt mich seit Tagen nicht mehr aus den Augen. Inzwischen geh' ich schon so lange allem aus dem Weg, dass ich langsam das Gefühl bekomme, ich wäre gefangen und nicht die da oben.“ Vor etwa einer Woche war der Junge und die beiden Frauen an Board gekommen. „Von denen wirst du die Finger lassen, die bringen uns ordentlich was ein“, hatte Haya ihm im Vorbeigehen angezischt. Er hatte sie mit Unschuldsmiene angelächelt. „Als würde von mir irgendeine Gefahr ausgehen.“ Die Entgegnung war auf ihre eigene liebenswürdige Art erfolgt und seit dem verbrachte er seine Zeit entweder in der Kombüse oder in seiner Koje. „Makosch, das da draußen ist Grangor! Grangor! Meine Heimat! Also wenn du nur ein wenig Liebe für mich im Leib trägst, lässt du mich gehen.“ Makosch zuckte nur mit den Schultern.
Überglücklich stieg er an Deck und füllte seine Lungen mit Seeluft. Er konnte die Stadt beinahe riechen. Sie waren im Norden vor Anker gegangen, etwas versteckt, aber er wusste, dass es nicht weit war. Sein Blick streifte das kleine Ruderboot, dass gerade in der Bucht vor Anker ging und sein Blick verdüsterte sich. Das waren doch die Drei, die da seelenruhig an Land gingen. Irgendwie hatte er das Gefühl, etwas nicht mitbekommen zu haben. Hatten die nicht vor ein paar Tagen noch versucht zu fliehen? Und nun ließ man sie einfach seelenruhig gehen? Er zuckte mit den Schulten. Sollten sich wichtigere Leute darum kümmern. Er würde sich erst einmal ein wenig amüsieren.

Eins
Das Blutige Messer hatte sich gut gefüllt. Ein Drittel der Gäste stammte aus seiner Crew. Stimmengewirr erfüllte den Raum wie dichter Qualm und blieb unter der Decke schweben. Es wurde gelacht, gezecht und gespielt und natürlich waren die Huren nicht weit. Ein ganz normaler Landgang. Erst vor einigen Minuten hatte er die  großzügigen Avancen von einem der Mädchen abgelehnt und statt dessen nach der einäugigen Sibel verlangt. „Der kleine Damián!“, hatte diese überschwänglich gerufen und ihn an ihren üppigen Busen gepresst. „Lass dich anschauen, du hübscher Bursche! Hach, du hast die Augen deiner Mutter!“ Während sie ihm noch in die Wange kniff, drehte sie sich zu der Jüngeren um, die immer noch unschlüssig bei ihnen stand. „Hast du ihm etwa ein Angebot gemacht, du dumme Gans? Das ist Luz' Junge. Der muss nichts bezahlen. Und nun bring uns schon Wein.“ Als sie sich wieder zu ihm drehte, präsentierte sie ihm ihr breites, vom Kautabak verfärbtes Grinsen. „Erzähl', was treibt dich in diesen Teil der Welt?“ Belustigt über ihre Worte plauderte er ein wenig über dieses und jenes mit ihr, bis er auf einen Mann an einem der Tischen deutete. „Der Fleischer? Oh, der ist eigentlich jeden Abend hier. Nicht sehr einträglich, verspielt sein Geld meistens, bevor er es in eines der Mädchen investieren kann.“ Er hatte sich also nicht geirrt. Die Jahre hatten Nevio nicht gerade hübscher gemacht. Sein Blick glitt von ihm zu der Frau auf seinem Schoß. „Kannst du mir einen Gefallen tun, Sibel? Ich glaube, er hatte heute Abend schon genug Zuwendung.“ Sie grinste wissend. Kurz darauf beugte sie sich zu der Kleinen und schickte sie mit einer Kopfbewegung davon. Nevio schaute sich irritiert um. Als sich ihre Blicke trafen, hob Damián seinen Becher und prostete ihm zu. Es war wie eine Wiederholung ihrer eigenen Vergangenheit, als er auf ihn zutrat. Nur diesmal war Damián es, der als erstes zuschlug.

Zwei
Irgendwo wurde ein Tier geschlachtet. Die Schreie rissen ihn unsanft aus dem Schlaf. Die lehmverputzte Decke über ihm verwirrte ihn für einen Augenblick, dann fiel ihm wieder ein, wo er war. Schwaches Sonnenlicht drang durch die Ritzen und signalisierte, dass es höchste Zeit war, von hier zu verschwinden. Rasch schwang er sich aus dem Bett und sammelte seine Sachen zusammen. Ein Blick über die Schulter verriet ihm, dass die Frau immer noch tief und fest schlief. Bryna. Für einen Moment versuchte er sich das Bild von ihr einzuprägen, wie sie friedlich dalag. Doch die Zeit drängte und er war niemand, dem es vergönnt war, einfach liegenzubleiben.
Ihr Mann erwischte ihn, als er gerade die Flucht antrat. In dem kurzem Moment, den er brauchte um die  Situation zu realisieren nahm Damián die Beine in die Hand und tauchte unter seinem Armen hindurch in die Gassen von Grangor. Wütende Schreie verfolgten ihn. „Ich schneide dir deinen gottverdammten Schwanz ab, wenn ich dich in die Finger kriege!“ Er hatte nicht vor sich erwischen zu lassen. Schnell bog er um eine Ecke. Doch das morgendliche Grangor bot ihm leider noch viel Gedränge zum Untertauchen. Er rannte vorbei an Marktständen, wo ihm die Leute erschrocken hinterher schauten. An der nächsten Kreuzung ging es nach links. Der verdammte Kerl war immer noch hinter ihm! Einen Haken schlagend schwenkte er in eine kleine Gasse zu seiner Rechten. Entsetzt musste er feststellen, dass sie in einer Mauer endete.

Drei
„Sie ist tot!“, triumphierte die am Mast angekettete Gestalt. Präfekt Gorn. Damián hatte einen Moment gebraucht, um ihn zu wiederzuerkennen, aber dann erinnerte er sich an seine Besuche im "Haus der Glückseligkeit". Die Huren hatten ihm damals einige Geschichten über diesen Mann erzählt. Aber im Augenblick kam niemand auf die Idee, dass er in diesem Fall nützlich sein könnte. Er war nur der Koch. Die Gefangenen waren damit beauftragt worden, ihn herzuschaffen. Oder nein, denn Gefangene waren sie nicht mehr, nach allem was Nira ihm berichtet hatte. Er hatte wohl die letzten Tage eine spannende Geschichte verpasst. Aber die ugenblicklichen Ergebnisse waren fürs Erste interessant genug. Er saß etwas abseits und beobachtete, wie der Kulko dem Präfekten Fragen stellte. Die gesamte Crew wusste, dass seine Geduld nicht mehr lange anhalten würde. Anderseits schien es Gorn vollkommen egal zu sein. Er ahnte, welches Schicksal ihm blühte, also hatte er beschlossen auf Konter zu gehen. „Aber immerhin hatten meine Männer noch ordentlich Spaß mit ihr, bevor sie gestorben ist.“ Die Bewegung kam blitzschnell und schon fraß sich der Haken tief in sein Fleisch. Fast überrascht beobachtete der Gefangene, wie sich seine Eingeweide über das Deck verteilten. Damián schloss die Augen. Warum musste eigentlich immer alles in Gewalt enden?

Eins
Als Nevio zu Boden ging, schaute Damián für einen Augenblick überrascht auf seine eigene Faust. War es die jahrelang angestaute Wut gewesen, die ihm Kraft verliehen hatte, oder war der Andere nur völlig überrumpelt gewesen? Noch ehe es einen großen Aufruhr in der Taverne geben konnte, griff er dem Niedergestreckten unter die Arme und zog ihn hinaus. „Wer zu Hölle bist du eigentlich?“ Damián beugte sich über ihn und lächelte . „Denk nach.“ Einen Augenblick später sah er die Erkenntnis in Nevios Augen. „Sieben Höllen, Damián!“ „Tut mir leid, der Bart verdeckt ein wenig das...“, er überlegte kurz. „Das weibische Gesicht. Das war es.“ Er war nicht sauer. Nicht wegen diesen alten Geschichten. Er reichte ihm die Hand und half ihm auf. „Ich dachte du wärst tot oder so. Wurde euer Schiff nicht von Piraten angegriffen? Yara hat tagelang geweint.“ Ein kurzer Stich, dann zuckte er mit den Schultern. „So leicht bin ich nicht tot zu kriegen, schätze ich.“ Dann sah er ihn prüfend an. „Alles in Ordnung bei euch? Geht es Yara gut... euren Kindern?“ Nevio nickte knapp. „Und warum treibst du dich dann hier herum? Ich hatte immer gedacht, sie hätte sich für … nun ja den treuen, ehrenwerten und verlässlichen Mann entschieden.“ Schweigen. „Wie wäre es, ich hole meine Sachen und wir wechseln das Lokal? Ich lade dich ein.“
Mit dem Wein kamen die Worte. Eine alte Geschichte die sich unendlich wiederholt. Nevio war sichtlich Schuldbewusst und versuchte ihm die Sache zu erklären. Eine Rechtfertigung zu finden. Damián zuckte mit den Schultern. „Hey, ich bin der Letzte, der irgendein Recht hat, jemanden etwas über Treue zu erzählen. Das ist eindeutig nicht eins meiner ausgeprägten Stärken. Andererseits war ich immer der Überzeugung, dass wenn man ein Versprechen gibt, es auch halten muss. Deshalb verspreche ich auch nie etwas. Aber ... falls man jemanden findet, bei dem man sich ganz sicher ist, dass man sein Wort für ihn halten will, dann sollte man Himmel und Hölle in Bewegung setzen, das auch zu tun und sich durch nichts in der Welt davon abbringen lassen.“ Nevio blickte ihn lange nachdenklich an. Dann nickte er. „Ich werde jetzt gehen. Willst du...?“ Damián schüttelte den Kopf. „Ich denke, das wäre keine gute Idee. Grüß' Yara von mir. Sag', dass ich am Leben bin und es mir gut geht.“
Eine Weile noch brütete er vor sich hin, nachdem Nevio gegangen war. Ob er jemals jemanden haben würde, der für ihn diese Bedeutung hatte, oder waren es leere Worte gewesen? „Kann ich dir noch was Gutes tun, mein Hübscher?“ Er blickte auf und lächelte die Kellnerin an. Heute Nacht würde er sich keine weiteren Gedanken darüber machen. „Oh, ich hätte da schon eine Idee...“

Zwei
Das langjährige Training auf einem Schiff zahlte sich aus. In einer schnellen Bewegung krallte er die Finger in die Fugen der Mauer und zog sich hoch. Er war schnell. Oben schaute er kurz, dann sprang er in den dahinterliegenden Garten und rollte sich ab. Für einem Augenblick verharrte er am Boden und lauschte. Er hörte die Schritte des Mannes und seinen schweren Atem. Die Zeit brauchte eine Ewigkeit, um zu vergehen. Dann entfernten sich die Schritte wieder. Damián atmete für einen Augenblick tief durch und drehte sich auf den Rücken. Über ihm zogen kleine Wölkchen vorbei.
Es war schon fast Mittag, als er sich auf den Weg zum Perainetempel machte. Er fand seine Schwester im Garten, tief mit den Fingern in der Erde wühlend. „Elena.“ Wie aus einem Traum gerissen drehte sie sich um. Ein Strahlen erleuchtete ihr Gesicht und schon kam sie auf ihn zugerannt und schloss ihn mit ihren erdigen Händen fest in die Arme. „Damián! Wie lange bist du in der Stadt?“ „Bis morgen.“ Sie schob ihn etwas zurück und betrachtete ihn prüfend mit ihren dunklen Augen. „Gut, dann kannst du mir ja ein wenig helfen.“ Schon hatte sie ihm eine Schaufel in die Hand gedrückt und gab ihm Anweisungen. Er schmunzelte, leistete aber keinen Widerstand. Seit seinem letzten Besuch war sie ein gutes Stück gewachsen. Und mit der Besorgnis eines großen Bruders musste er leider auch feststellen, dass sie langsam kein kleines Mädchen mehr war. Gut, dass sie noch eine Weile in der schützenden Umgebung des Tempels belieben würde. Im Moment mochte er sich nicht ausmalen, dass seine kleine Schwester jemals mit einem Mann zusammen sein würde. Was wäre, wenn sie an jemanden wie ihn geriet? Er schüttelte energisch den Kopf um den Gedanken zu vertreiben. „Und, machst du immer noch diese moralisch höchst fragwürdige Piratensache?“, fragte sie ihn ohne den Blick von ihren Pflanzen zu wenden. „Schätze schon.“ Sie quittierte seine Antwort mit einem knappen Nicken. „Da fällt mir ein... ich hab was für dich“, sagte er, während er aufsprang und seine Tasche durchsuchte. Kritisch schaute sie zwischen ihm und dem kleinen Kästchen hin und her. „Mach es auf, bevor du es ablehnst.“ Ein Moment der Stille, dann: „Pfeilblütesamen?“ Er nickte. „Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schwer sich so etwas auf einem Schiff transportieren lässt. Man muss ständig aufpassen,  dass sie nicht nass werden und verfaulen.“ Sie sprang ihm entgegen und drückte ihn einen Kuss auf die Wange.  „Vielleicht ist es ja doch gar nicht so schlecht, was du tust. Immerhin kommst du viel herum“, sagte sie, während sie ihre Arbeit im Beet fortsetzten. „Du könntest ja eines Tages mitkommen.“ Elena schnauft laut auf. „Und dann? Nein, nein, ich bin kein Schiffsmensch. Da wächst nichts außer Algen und Meeresgetier. Da musst du schon jemand anderen finden.“ Darüber dachte er eine Weile nach. Er war natürlich Teil einer Crew, aber das meinte sie nicht. Sie meinte jemanden, mit dem man zusammen reiste, einfach, weil man denjenigen mochte. „Vielleicht mach ich das eines Tages.“ Bei Sonnenuntergang kehrte er zum Schiff zurück.

Drei
Das Gurgeln, mit dem seine Kehle durchgeschnitten wurde beendeten gnädigerweise den Schrei. Angewidert öffnete er die Augen wieder und betrachtete das Blutbad. Er mochte das Piratenleben. Man war immer unterwegs, die Beute wurde fair aufgeteilt und meistens hatte man genug zu trinken und zu vögeln. Andererseits lag ihm die Brutalität nicht. Er hatte keine Freude am Töten. In Momenten wie diesen dachte er manchmal darüber nach, etwas anderes zu machen. Vielleicht reichte ja ein anderes Schiff? Es konnten schließlich nicht alle Kapitäne soviel Spaß an so einer riesigen Sauerei haben, oder? Sein Blick glitt zu den beiden Frauen, die dem Präfekten seinem Schicksal übergeben und ihn an Deck gebracht hatten. Eine dunkel, die andere hell. Er konnte das Entsetzen im Gesicht der Einen lesen. Die Andere betrachtete die Szenerie fast regungslos. Für den Bruchteil einer Sekunde trafen sich ihre Blicke. Aus irgendeinem Grund musste Damián lächeln. Warum zu Hölle hatte es Haya eigentlich auf ihn abgesehen gehabt? So, wie die beiden aussahen, hatten es bestimmt einige aus der Mannschaft versucht, bei ihnen in der Koje zu landen. Inzwischen waren sie auch keine Geiseln mehr. Mit dem Präfekten hatten sie offenbar etwas Wertvolleres geliefert, als das Geld, was sie einbrachten. Wo war überhaupt der Junge? Hatte vermutlich seine wiedergewonnene Freiheit genutzt und war verschwunden. Andererseits hatten sie bestimmt eine Abmachung mit dem Kulko getroffen und die brach man besser nicht. Er war gespannt wie es weiterging. Eine leise Stimme regte sich in seinem Hinterkopf. ...Gelegenheiten, die du ergreifen kannst. Vielleicht war das hier eine oder konnte eine werden. Er beschloss, die Sache im Auge zu behalten und notfalls auch Hayas Anweisung zu ignorieren.
09.05.2015 15:54
Schöner Text. Das war jetzt praktisch "die anderen 42".
09.05.2015 17:41
Ich bin auch gespannt, wie es weitergeht. Damian ist wohl gar kein Vollblutpirat?
09.05.2015 19:32
Aww....Heimaturlaub! Und das Versprechen muss ich dann wohl serious nehmen :D
Dani (Gast)
14.05.2015 12:30
Uiuiui..echt sehr cool geschrieben! :)
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