Fiona de Voine
01.05.2015
Sonnata
Kommentare: 3
Der Pinselstrich mußte sehr akkurat und vorsichtig geführt werden, wenn man ein Porträt von der Größe einer Pflaume malte und dem Anspruch gerecht werden wollte, daß die Person in diesem Bild auch zu erkennen war. Fiona saß an einem ruhigen Fleck am Rande des Heerlagers im Gras und betrachtete beide Innenseiten ihres aufgeklappten Medaillons sehr aufmerksam, vielleicht aufmerksamer, als all die Jahre zuvor. Ihre Finger tasteten über das feine Relief der Wappen ihrer Familien, die die Außenseiten zierten.
Dieses Medaillon, und daher auch die kleinen Gemälde darin, hatte in der letzten Zeit einiges erdulden müssen. Die silberne Außenschale mit dem Wappen war durch das Schwimmen in Kloake und Salzwasser etwas fleckig geworden. Vermutlich war auch etwas von beidem in das Medaillon hinein gelangt und über die Bildchen gespült und Fiona hatte vorsichtig versucht, sie zu säubern. Trotzdem waren sie noch gut zu erkennen und Fiona betrachtete jede Linie, Schattierung und Farbgebung, die als Gesamtbild jeweils ein Gesicht formte. In dem Bild ihrer Mutter konnte sie sich selbst sofort erkennen, auch wenn sich wenige Details vielleicht unterscheiden mochten.
Aber diesmal war es das Porträt ihres Vaters, das sie interessierte.
"Er erinnert mich an euren Vater." hatte Padrick gesagt. Er hatte Nolan gemeint.
Padrick mußte ihre Familie wirklich gut gekannt haben, um so etwas zu sagen.
Fiona selbst versuchte sich an sein Gesicht zu erinnern wie sie es als kleines Mädchen kannte, aber die Bilder, die sie von damals noch in ihrem Kopf trug, waren verschwommen und unscharf geworden. Damals als Kind waren ihr andere Dinge wichtiger gewesen.
Fiona zuckte mit den Schultern klappte das Medaillon zu und ließ es wieder unter ihrer Kleidung verschwinden. Vermutlich war es einfach, in einen dunkelhaarigen Jungen.... - hier verbesserte sie sich - jungen Mann einen anderen dunkelhaarigen Mann aus der Vergangenheit vermeintlich wiederzuerkennen, wenn es schon so lange her war.
Padrick hatte auch gesagt, daß es die Kaiserin Mutter war, die ihre Familie vernichtet sehen wollte. Sie zog die Beine an, verschränkte die Arme um ihre Knie und legte bequem das Kinn darauf. Mittlerweile mochte die Kaiserin Mutter wieder aufgewacht sein.
Wenn es eine Person auf dieser Welt gab, die wußte, warum sie Fionas Familie vernichten wollte, dann war es diese Frau selbst. Fiona brannte darauf, sich mit ihr zu unterhalten. Gleichzeitig hatte sie Angst davor. Sie schaute zu dem Zelt herüber, in dem sie bewacht wurde.
Warum sollte sie ihr das erzählen, was Fiona wissen wollte? Obwohl sie vielleicht einsehen mochte, daß sich für sie alles verändert hatte, war sie wahrscheinlich trotzdem nicht bereit, mit irgendjemandem über ihre Motive zu sprechen.
Vor allem nicht mit jemandem, den sie noch vor kurzem am Liebsten getötet hätte.
Die Kaiserin Mutter mußte ihr wenigstens ein Stück weit vertrauen, damit sie ihr die Wahrheit sagte.
Fiona überlegte. Padrick hatte in Fiona sofort ihre Mutter erkannt.
Aber kannte die Kaiserin Mutter Fionas Familie auch so gut? Vielleicht hatte sie nur den Namen gefürchtet, ohne die Gesichter der Personen zu kennen, die ihn trugen?
Als sich das Heerlager zum Gottesurteil zusammenfand, stand Fiona direkt hinter ihr. Sie hatte sich kurz zu ihr umgedreht und beiläufig den Blick über die Menge schweifen lassen.
Fiona hatte den Eindruck, daß sie vor allem ihre grüne Geweihtenrobe ihn ihr gesehen hatte und nicht den Menschen dahinter. Konnte das noch einmal gelingen?
Fiona hob plötzlich den Kopf. Sie hatte eine Idee, vielleicht einen Plan.
Verschiedene Fragmente davon purzelten durch ihren Kopf und suchten sich ihren Platz.
Ser Rowan Trevelyan hatte den Befehl gegeben, daß nur er und eine kleine Auswahl anderer Menschen zur Kaiserin Mutter durchgelassen wurden.
Das war ein Problem. Konnte sie dasselbe versuchen, was in dem anderen Heerlager bei ihrer gefangenen Tante möglich war?
Konnte sie einfach versuchen, von einer anderen Seite heimlich ins Zelt zu gelangen?
Nolan hatte dafür ein Ablenkungsmanöver versucht. Nun war er aber schwer verletzt.
Damian und Tess würden sich in die Burg schleichen und hätten daher auch keine Zeit.
Nein, das wäre kein gangbarer Weg. Und was würde passieren, wenn man sie dabei erwischte? Fiona presste die Lippen aufeinander und ihr Blick schweifte langsam zu dem Zelt, in dem sich im Moment der Kriegsrat versammelt hatte.
Der Plan war verwegen. Riskant, vielleicht leichtsinnig, vor allem wenn man ihre Geschichte kannte. Fiona konnte dennoch nicht leugnen, daß die Neugier stärker war, als die Vorsicht und der Reiz, diese Geschichte zu erfahren, war unwiderstehlich.
"Hesinde," dachte sie, "vergib mir, wenn ich vielleicht falsche Tatsachen vortäusche, denn es dient der Wahrheitsfindung!"
Sie erhob sich und schlenderte langsam auf das Zelt des Kriegsrates zu. Es gab jemanden, den sie unbedingt abfangen mußte, wenn der Rat zu Ende war, ehe sich alle zerstreuten um ihre Aufgaben zu erfüllen.
Benedikte würde vermutlich graue Haare bekommen, wenn sie wüßte, was sie gerade zu tun beabsichtigte. Sie würde sich unter vier Augen mit einem Trevelyan beraten.
Vielleicht würde sie sich ihm sogar ein Stück weit anvertrauen. Nervös kaute sie an einem Fingernagel. Diesmal wäre es nicht Nolan, der ihr weiterhelfen konnte.
Diesmal wäre es Rowan Trevelyan.
01.05.2015 15:41
Spannend spannend. Was das wohl für ein Plan sein wird...
01.05.2015 21:06
Dem kann ich mich nur anschließen. Zum Glück ist es ja nicht lange hin, bis wir es erfahren.
02.05.2015 14:38
Uh eine Konfrontation mit einem anderen Trewelyan. Ich freu mich auf Morgen.
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