Rowan Trevelyan
19.07.2014
Momper
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Die Tür schloss sich hinter Inculta und Katharina und ließ Rowan allein im Raum mit seinem schweigenden Vater und dem unaufdringlichen Duft, den Lady Cara für das Gespräch mit dem Herzog von Hügeltrutz aufgelegt hatte. Rowan kannte dieses Spiel. Er nahm eine bequeme Pose ein, legte die Hände auf dem Rücken zusammen und betrachtete den Raum seines Vaters mit dem eingeübten Ausdruck von Selbstgefälligkeit und heiterer Verachtung. Rowan würde seinen Vater niemals täuschen, da machte er sich keine Illusionen. Es war eher eine liebgewonnene Gewohnheit, so zu tun, als würde ihn die aufgezwungene Wartezeit nicht beleidigen.
Fionan ließ seinen Sohn ein paar angemessene Augenblicke warten, während er sich das Schreiben vornahm, das vor ihm auf dem Tisch lag. Auch das gehörte zum Spiel von Vater und Sohn. Eine weitere demütige Lektion in Geduldsamkeit. Schließlich legte er das Papier mit der beschrifteten Seite nach unten vor sich und blickte Rowan an.
"Erzähle mir die ganze Geschichte noch einmal ganz von vorn. Nur lass diesmal nicht aus, was du vor deinen Begleitern verschwiegen hast."
Rowan schmunzelte und hob einstudiert belustigt die Brauen. Ohne zu fragen nahm er sich einen der Stühle und überschlug ein wenig zu weibisch die Beine. Er wusste, was man sich in Havena erzählte über den unverheirateten Burschen, dem einfach keine Frau gefallen wollte. Wichtiger war aber, dass auch Vater von den Gerüchten um seinen Sohn gehört hatte. Sollte er sich ruhig ein wenig ärgern. Rowan legte nachdenklich die Finger an die Lippen, obwohl er den Beginn seiner Geschichte längst geplant hatte.
"Ich denke, ich beginne wohl am besten mit meiner Ankunft auf dem Land des Hauses Carnaby.", sagte er abwägend, als wäre ihm die Idee spontan gekommen.

Rowan war ein wenig vorgeritten. Er wollte den ersten Blick auf die Burg seines nächsten Gastgebers allein haben, wollte sehen, wie gepflegt das Haus war und wie sie es geschmückt hatten anlässlich der Brautschau der jungen Lady Cara. Rowan hatte so viele Brautschauen hinter sich, und er hatte so viele verschiende Schlösser und Burgen gesehen, dass er allein vom Blick auf die Beschaffenheit eines Gebäudes Rückschlüsse auf das Gemüt seiner Bewohner ziehen konnte. Burg Carnaby versprach geradlinige, geordnete Leute, wenig verspielt und eher ernst. Fabelhaft! Soldaten. Das sollte leicht werden. Er öffnete seinen Geldbeutel, und während Milo und Wykka mit dem Wagen endlich aufholten, wog er ab, wie viel es hier wohl kosten würde. Milo führte das Zugpferd zu Fuß und kam schwer atmend neben Rowan zum stehen. Wykka, die Frau des alten Mannes, saß auf einem eigenen Pferd und stahlte so viel Würde aus, wie man es in verschitztem und müdem Zustand tun konnte. Rowan reichte Milo eine goldene Münze.
"Wenn mein Gepäck im Haus ist und du ein bisschen ausgeruht, dann geh in das nächste Dorf und...", begann Rowan seine übliche Rede. Milo nahm sich wenig begeistert das Geldstück. "Ich weiß, Herr.", führte der alte Diener fort, "Ich suche ein Hurenhaus auf und kaufe dasjenige Halstuch, das am meisten nach billigem Duftwasser stinkt."
"Weibisch muss es stinken. Nach billiger Hure.", berichtigte Rowan. Milo war wie immer nicht glücklich damit.
"Mein Herr Rowan, denkt Ihr nicht, dass Euch die junge Lady diesesmal gefallen könnte? Ihr habt sie ja noch nicht einmal gesehen."
"Glaub mir, mein Freund, ich weiß es ganz sicher." Dann erst wand Rowan den Blick zu seinen beiden Dienern. "Sollte etwas übrig bleiben, kaufe deiner Frau ein Geschenk."
Damit trieb er sein Pferd wieder an und ritt langsam auf die Burg zu. Das Ziegenwappen versteckte er absichtlich. Sollten seine Gastgeber ruhig verunsichert sein und nicht wissen, mit wem sie es zu tun hatten. Dann würden sie gleich ein schlechtes Gefühl mit ihm verbinden, ihn unsympathisch finden und nicht für ihre Tochter auswählen. Ganz sicher würden sie ihn nicht auswählen, wenn er am Abend nach Weib stinkend und äußerst weibisch im Verhalten am Fest teilnehmen würde.

"Aber die Brautschaut fand gar nicht statt.", fasste Fionan zusammen. "Soviel weiß ich bereits. Wann und unter welchen Umständen wurde der Brief gefunden?"
Der Brief. Ein interessantes Detail. Weitaus interessanter für Fionan als weitere, langatmige Beschreibungen des Wenigen, das Rowan bereits in der kurzen Zeit über den Haushalt von Baron Edmund Carnaby und seiner Familie herausgefunden hatte.
"Ich unternahm einen Ausritt mit der jungen Lady.", fuhr Rowan fort, "Zweifelsohne ein ungleicher Vorteil gegenüber den anderen ankommenden Anwärtern, denkt Ihr nicht, Vater?"
Natürlich antwortete Fionan nicht. Rowan nahm sich, ohne zu fragen, einen Becher und goss sich vom Wein ein, der auf dem Tisch seines Vaters stand. Erst nachdem er einen Schluck getrunken hatte, nahm er die Erzählung wieder auf.
"Lady Cara beherrscht die Kunst der Konversation. Wahrlich. Wir plauderten über allerlei, und ich pries die Schönheit des Landes, als Inculta und Katharina auf dem Spielfeld erschienen."

Rowan straffte sich, als er die ankommenden Reiter hörte. Auch Cara schien ihre Ankunft bemerkt zu haben.
"Bleibt hinter mir, Mylady.", sagte er, während er weiterhin zu erkennen versuchte, wer sich näherte. Drei Reiter mit vier Pferden waren es. Dass eines davon verwundet war, war nicht zu übersehen. Als sie näher kamen, wurde erkennbar, dass es sich um zwei Männer und eine Frau handelte.
"Kennt Ihr diese Leute, Mylady?"
"Ich kenne zwei von ihnen. Das eine ist Vulpes Inculta, der Waffenmeister meines Hohen Vaters. Das andere ist Katharina Belmonte. Sie ist mit Rodrigo Belmonte vermählt, einem Händler, der mit meiner Familie befreundet ist, seit ich denken kann. Den dritten Mann kenne ich nicht, aber ich glaube, er gehört zu Frau Belmonte."
Rowan entspannte sich.
"Was ist geschehen?", verlangte Cara zu wissen, als die Gruppe in Rufreicheweite war.
"Ein Beilunker Botenreiter, Mylady.", antwortete Inculta, nachdem er Rowan einen Augenblick gemustert hatte. "Scheinbar wurde er von Banditen überfallen. Wir müssen sie vertrieben haben. Jedenfalls wurde ihm nichts gestohlen, auch wenn für ihn jede Hilfe zu spät kam." Cara keuchte erschreckt auf.
"Lasst mich Euch in die Sicherheit der Burg zurückgeleiten, Mylady.", schlug Rowan vor. Cara nickte dankbar.

"Aber der Botenreiter war doch bestohlen worden, wie wir später feststellten.", fuhr Rowan fort. "Wir untersuchten den Schauplatz noch einmal, Inculta, Katharina und ich. Und wir fanden im umgrenzenden Wald das Stück eines zerrissenen Briefes, den der Mörder des Reiters offenbar zerrissen und verstreut hatte. Und nach einer weiteren akribischen Suche gelang es uns schließlich, alls Teile zu finden."
"Und wieso kriecht mein Sohn durch den Wald und sucht Papierfetzen, statt sich auf eine Brautschau vorzubereiten?"
Rowan schmunzelte.
"Ich hatte bereits ein Abkommen mit Lady Caras Mutter getroffen."
Fionan hob fragend die Brauen.
"Ich will Euch nicht mit allen Einzelheiten langweilen, Vater. Wichtig ist, dass Baronin Charlotte Carnaby und ich darüber einig wurden, dass ich keine gute Wahl für ihre Tochter sein würde. Wir schlossen einen Handel. Ich sollte helfen, das Rätsel um den überfallenen Boten zu lösen. Dafür würde ich am Abend nicht ausgewählt werden und niemand würde Fragen darüber stellen. Ich denke, das Baronenpaar war nicht unglücklich darüber. Sie waren nicht gerade erfreut, einen Trevelyan in ihrem Haus zu wissen."
Fionan schien von dieser Aussage nicht eben überrascht.
"Was geschah, nachdem die Teile des Briefes gefunden wurden?", fragte er.
Jetzt war es an Rowan, seinen Vater einen Augenblick warten zu lassen, als er so tat, als müsste er sich die Ereignisse noch einmal ins Gedächtis zurück rufen.
"Inculta, Katharina und ich wollten gerade zur Burg reiten und dem Baron die Einzelteile bringen, als wir erneut Hufgetrappel hörten. Es war die junge Lady. Sie hatte anlässlich des Feiertages ein Pferd geschenkt bekommen. Und offenbar stand ihr der Sinn nach einem Ausritt. Doch das Ross war mit ihr durchgegangen. Uns anderen gelang es allerdings, das Tier wieder unter Kontrolle zu bekommen. Und just als wir schließlich zur Burg zurückkehren wollten, wurden wir angegriffen von Straßenräubern, die wie Gaukler verkleidet waren."
"Wie Gaukler?" Fionan blickte seinen Sohn verwundert an.
"Ab hier wurde die Geschichte reichlich verworren, Vater."
20.07.2014 19:41
Never trust a clown.
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