Divine Cast
18.12.2011
Momper
Kommentare: 1
Allan Granger hatte die Scheibe, die ihn von dem Fahrer des Wagens abschirmte, gleich hochfahren lassen, nachdem er in das Fahrzeug eingestiegen war. Der Mann am Steuer wusste ohnehin, was das Ziel der Fahrt sein würde. Er selbst lehnte sich auf dem Rücksitz zurück in der Hoffnung, endlich ein wenig Entspannung zu finden. Der Austrittsvorgang wurde mit jedem Mal unangenehmer, schien ihm. Eines der Probleme, die weiter hinten auf der Liste all der Dinge standen, die er zu lösen hatte. Er klappte die Bar auf und fingerte mit einer geübten Bewegung das Aceteca hervor, löste eine der Tabletten auf und trank sie in einem Schwung herunter. Wie immer betete er die Formeln der biochemischen Prozesse herunter, die in diesem Augenblick in seinem Kreislauf stattfanden, und dann waren die pochenden Kopfschmerzen verschwunden.
Sein Blick verlor sich im Schwarz der Nacht, die außerhalb der Limousine vorherrschte. Dann trafen seine Augen die seines Spiegelbildes in der Scheibe. Die weißhaarige Gestalt blickte zurück.
Einen Augenblick verharrte er so, dann gab er über das entsprechende Schaltrelais den Befehl, die Polymere der Scheibe auf Entspiegelung zu stellen, und das Gesicht des anderen verschwand.
Er hatte keine Lust, während der verdammt langen Fahrt zurück nach New York sein eigenes Bild zu betrachten und in Grübeleien über den Mann zu versinken, den er da sah. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es noch mindestens 5 Stunden bis Sonnenaufgang sein würden. Die Fahrt nach New York würde ähnlich lange dauern. Und da er – im Gegensatz zu Atasco oder Anneza – nicht den Luxus hatte, sich einfach so einen Tag frei nehmen zu können, musste er die Fahrtzeit zum Schlafen verwenden. Er lehnte sich zurück und hoffte auf angenehme Träume, gleichwohl wissend, dass Träume nach der neuronalen Simsin-Injektion, die er eben erhalten hatte (die er erfunden hatte, Grundgütiger!) nie angenehm waren. Er hatte keine Ahnung, wie willensstark man sein musste – oder wie wahnsinnig – um nicht wenigstens noch eine Weile unter den Nachwirkungen der Substanzen zu leiden, die einem da durch das Hirn gejagt wurden.
Sei’s drum.
Er lehnte sich zurück und schloss die Augen.

Die Tür war frisch lackiert, und Allan fragte sich, wie lange die Farbe wohl zum Trocknen brauchen würde. Die Zeit lief wie immer langsamer, und er war sich dieser Tatsache auch vollkommen bewusst. Er stand da und schaute auf den Türknauf und wagte nicht, ihn zu berühren, weil das vermutlich seinen Anzug ruinieren würde.
In Wirklichkeit war es aber wegen Oliver. Wie an jedem der seltener werdenden Tage, an denen Allan nach Hause kam, fragte sich ein Teil seines Bewusstseins, wann der Zeitpunkt gekommen war, an dem er nicht mehr über sich brachte, Ruhe zu bewahren, wann immer er Oliver erblickte. Er stellte fest, dass die Frequenz seiner zu Hause verbrachten Abende proportional abnahm, je mehr Oliver verfiel.
Dann erst bemerkte er das leise Rattern der Speichen. Er blickte nach rechts und starrte geradewegs in das zerfließende Gesicht seines Sohnes. Am Rande seines Bewusstseins bemerkte er, dass Oliver sich Spielkarten in die Speichen gesteckt hatte. Aber was er sah war nichts als Verfall und Endlichkeit und Ungerechtigkeit. Olivers Augen waren fast unter den hängenden Lidern verdeckt, aber Allan wusste, dass der Junge ihn neugierig und keineswegs schläfrig musterte.
Ihm schien es, als würde eine Ewigkeit vergehen. Dann erst fiel ihm wieder ein, dass die Zeit langsamer verging. Es war Oliver, der mit seiner gurgelnden Stimme die Stille – die angenehme, geliebte Stille - zerbrach.
„Ich dachte, Du kommst nie wieder.“
Das denke ich auch manchmal, dachte Allan. Und er wusste, dass Oliver seine Gedanken lesen konnte.
„Ach was! Wie kommst Du denn darauf?“, entgegnete er.
„Weil Du Angst vor mir hast.“
Das entsetzte ihn. Und so viel Überwindung es ihn auch kostete, er kniete sich vor den verwelkenden Jungen und schaute ihn direkt an.
„Nein, Oliver! Das darfst Du nicht denken. Ich habe keine Angst vor Dir. Ich habe Angst um Dich.“
Oliver blickte ihn an und schwieg. Oder vielleicht hatte ihn das, was er gesagt hatte, auch zu sehr angestrengt.
„Ich habe nur so entsetzlich viel zu tun, weil… Weil ich Dich gesund machen will.“
Oliver starrte immer noch. Doch Allan wusste, was er dachte.
Du kannst nichts dagegen tun, und dennoch verschwendest Du die Zeit. Meine Zeit.
Dann erst bemerkte Allan die langsame Bewegung. Olivers Verfall schritt nun rasant voran, als die Zeit viel zu schnell verging. Olivers Gesicht glich einer zerfließenden Wachskerze.
Und Allan konnte nur noch schreien.

Er saß aufrecht auf dem Rücksitz. Trotz der exquisiten Klimaanlage waren die Scheiben rechts und links komplett beschlagen.
Der Mensch ist ein leistungsfähiges Kraftwerk. Das können wir nutzen.
Allan ließ eine der Scheiben ein wenig nach unten fahren, um frische Luft ins Auto zu lassen.
Der Mann am Telefon hatte daran gerührt, gemahnt, getroffen.
Sie sind belogen worden.
Allan griff zum Telefonhörer, der ihn mit dem Fahrer verbinden würde.
Aber er ist noch hier.
Der Mann nahm ab und wartete schweigend auf das, was sein Passagier ihm sagen würde.
Wenn sie ihn sehen wollen, dann treffen Sie sich mit uns.
19.12.2011 19:12
Was für ein Alptraum! Und ja: treffen sie sich mit uns! *gg*
Name E-Mail
www
 
Nachricht
 
Bitte trag das Ergebnis nebenstehen ein:

2 minus 3

=