Gawain
13.10.2017
Momper
Kommentare: 1
Der Rosenbastard war ein eleganter Mann Anfang 30. Sein blondes Haar floss in weichen Wellen über die Schultern hinab und wurde dort von einer silbernen Spange gebändigt. Gleich einem göttlichen Symbol hielt er eine Medaille in den sonnigen Morgenhimmel. Sie war bemalt in Grün und Dunkelrot und in der Mitte prangte eine goldene Rose. Einjeder an Bord des Schiffes erkannte das Zeichen, das den Mann als Diener des almadischen Fürstenhauses Montrose auswies und ihn mit allerlei Sonderrechten ausstattete.
Es war das Hervorholen dieser Medaille und der klare Befehl in seiner Stimme gewesen, die die Kämpfe zum Erliegen hatten kommen lassen. Dass er das berühmte Kapitänspaar Damián und Tess schwer verwundet und in Ketten hinter sich her zerrte, hatte zweifelsohne einen unterstützenden Effekt, auch wenn die anderen Piraten die beiden in dem Tumult nicht sofort gesehen haben konnten.
Ronnel Grape – der Rosenbastard - war bekannt als gnadenloser Problemlöser. Das augenblicklich größte Problem waren die Piraten des Westmeeres. Sie hatten zu oft die Schiffe diverser almadischer Häuser überfallen und jüngst ein paar namenstragende Seefahrer bei Überfällen getötet. Schließlich sogar den Sohn eines hohen Hauses. Also hatte Haus Montrose angeboten, ihren berühmten Jäger zu entsenden. Unentgeldlich, verstand sich. Allein der Freundschaft wegen. Einjeder konnte sich leicht anfreunden mit den Rosen. Und der Rosenbastard hatte ein erstaunlich gutes Portfolio vorzuweisen. Ausgebildet wie ein Ritter war er, doch dank seiner unehelichen Abstammung war er so abkömmlich und ungebunden, dass er sich nicht an den Kodex von Edelleuten halten musste. Es kümmerte niemanden, wenn er versagte. Denn was anderes sollte man schon von einem Bastard erwarten? Doch wenn er tatsächlich erfolgreich war, dann konnte man sich mit ihm schmücken. Ronnel hatte schon vor langer Zeit beschlossen, dass er erfolgreich sein wollte. Die Jahre hatten ihm recht (und ein paar Narben) gegeben. Er war vielleicht nicht der einzige Mensch im Reich, der einen Bastardnamen trug, wohl aber war er einer der berühmtesten.
Er hatte ein Schiff und eine fähige Mannschaft bekommen, und nach nur wenigen Tagen und ein paar Bestechungen waren die Piraten gefunden. Und dann hatten die almadischen Soldaten den Angriff begonnen und das Schiff geentert. Der Kampf war schnell und blutig gewesen und hatte an Deck stattgefunden. Doch Ronnel hatte gewusst, dass er sich nicht mit dem Abschlachten von Matrosen beschäftigen würde. Er hatte Tess und Damián gesucht und gefunden. Sie hatten ein paar seiner Leute getötet, doch Ronnels Giftbolzen hatten sie nicht widerstehen können. Er hatte der Schlange den Kopf abgeschlagen und ihn für alle sichtbar mit an Deck gebracht. Das hatte dem Kampf jede Fahrt genommen.
Jetzt starrten die Seeräuber ihn alle an. Die meisten hatten bereits die Klingen der almadischen Soldaten am Hals. Viele Piraten lagen tot oder sterbend an Deck, irgendwo weiter hinten am Heck zog ein Soldat schmatzend sein Schwert aus einem verwilderten Seeräuber, der dann polternd zu Boden fiel und reglos liegen blieb.
Ronnel kostete den Moment des Triumphs einen Augenblick lang aus und bedachte die zerlumpten und skorbutgezeichneten Piraten mit einem gewinnenden Lächeln, als wären sie alle seine Gäste und er sei jetzt als Gastgeber endlich auf dem Fest erschienen. Sein Blick blieb ein bisschen länger auf einer wütenden Südländerin hängen, die zwar in die Jahre gekommen war, doch deren vernarbter und muskulöser Körper ihm verriet, dass sie eine erfahrene Kämpferin sein musste. Er hoffte, dass sie sich ebenso aufbrausend verhalten würde, wie ihr Blick versprach. Er wandt sich wieder allen gefangenen Piraten zu und erhob das Wort:
"Ich hoffe, euch ist bewusst, dass ihr alle sterben werdet."
Die Südländerin reagierte, wie er es erhofft hatte. Mit einem Knurren rammte sie dem Soldaten, der sie bewachte, den Ellenbogen ins Gesicht und brach ihm die Nase. Dann stürzte sie vor und umschloss Ronnels Kehle. Sie war ein bisschen größer als er und hatte einen guten Winkel.
"Dich nehmen wir mit, Bastard!", spuckte sie ihm giftig entgegen.
Ronnel gab das Lächeln auf. Dann fuhr er mit den Händen um sie herum, als wollte er sie umarmen, zog die beiden kleinen Dolche aus den Unterarmscheiden und stieß sie der Piratin in die Nieren. Die Frau war überrascht genug, um den Griff ein bisschen zu lockern, auch wenn man ihr zugute halten musste, dass sie im Gegensatz zu den meisten anderen vor Schmerz nicht aufheulte oder ihrem natürlichen Fluchttrieb folgte. Ronnel drehte die Dolche ein wenig und riss die Wunden weiter auf. Dann brachte er ein Knie zwischen die Beine der Piratin, versetzte ihr einen harten Tritt in die empfindliche Mitte und brachte sie so schließlich dazu, nach unten zu sinken. Noch immer ließ das störrische Biest nicht von ihm ab, also zog er die Dolche aus ihrem Rücken, führte sie in einer fließenden Bewegung zwischen sich und die Frau und schnitt ihr tief in die Innenseiten der Handgelenke. Dass er ihr die Sehnen zertrennt hatte, erkannte er daran, dass sie die Kontrolle über ihre Hände verlor und ihn schließlich loslies. Rasch machte er einen Schritt zurück, und noch ehe sie ihm den Kopf in den Magen rammen konnte – und das deutete ihre neuerliche Bewegung an – rammte er ihr die beiden kleinen Dolche von beiden Seiten in den Hals. Das stoppte ihren Angriff. In einer letzten Bewegung zog er die kleinen Dolche aus den Halswunden. Die Piratin fiel zur Seite. Ihr Blut ergoss sich im Rythmus ihres langsamer schlagenden Herzens auf die Planken des Schiffes.
Ronnels Kehle brannte. Er würde in der nächsten Zeit am Hofe eines dieser seidenen Halstücher tragen müssen, um die Würgemahle zu verbergen. Jetzt aber musste er die Situation unter Kontrolle halten. Er setzte wieder das Lächeln auf. Sollten die Piraten – und auch ein paar der Soldaten – ihn ruhig für einen narzistischen Irren halten. Das machte die Arbeit leichter. Nicht zuletzt waren die Piraten die Bösen in diesem Spiel. Der kleine Tanz mit der Südländerin dürfte ihnen jetzt allerdings gezeigt haben, aus welchem Holz der Rosenbastard geschnitzt war.
Rosen haben Dornen. Todkomischer Witz!
"Es ist schade,", hob er an und stellte fest, dass er mehr krächzte als ihm recht war, "dass Eure Mitverschwörerin mich nicht hat ausreden lassen. Denn wenn sie es getan hätte, könnte sie jetzt noch leben, um zu hören, dass ich einem jeden von Euch die Freiheit anbiete, wenn Ihr mir nur ein paar Fragen beantwortet und mich von Eurer Reue überzeugt."
Einige Piraten sahen zu Boden. Andere warfen scheue Blicke zu ihren Kameraden. Gut.
"Ich meine... tischt mir einfach eine Geschichte darüber auf, dass Ihr keine andere Wahl hattet, als Verbrecher zu werden. Dass Ihr aus so schwierigen Verhältnissen stammtet, dass Ihr nicht mit ehrlicher Arbeit zurande kamt. Dass niemand Euch je eine Chance gab und dass Ihr letztlich nur übergangsweise auf dieses Schiff kamt, im festen Willen, die Mannschaft schnellstmöglich wieder zu verlassen, sobald Ihr das Geld zusammenhättet, um woanders neu anfangen zu können. Jeder von Euch wird eine Chance erhalten. Ich werde mit jedem von Euch allein sprechen und geduldig zuhören. Und von diesem Gespräch hängt ab, ob Ihr mit Euren Kapitänen gehenkt werdet oder nicht, wenn wir auf almadischem Festland sind." Damit wandte er sich dem Hauptmann der Soldaten zu. "Bewache diese Leute gut. Vergiss nicht: Sie sind gewiefter als Ihr."
Der Hauptmann nickte. Ronnel griff nach den Ketten, an denen das Kapitänspaar hing.
"Diese beiden vertraue ich niemandem außer mir selbst an.", beantwortete er die unausgesprochene Frage des Hauptmannes.
Gerade wollte Ronnel sich mit den beiden Gefangenen zur Planke begeben, die auf sein eigenes Schiff führte, als ein weiterer Soldat den Kopf aus der Tür steckte, die zum Unterdeck führte. "Grape!" Ronnel blieb stehen und schaute den Mann fragend an. "Ich habe unter Deck noch etwas... jemanden gefunden.", fuhr der Soldat fort.
Ronnel runzelte die Stirn. "Bind ihm die Hände und setze ihn wie die anderen fest."
"Nun, Herr..." Da war dieser Moment, den Ronnel so sehr hasste. Wenn die anderen nicht wussten, wie sie ihn adressieren sollten. "Lord Grape. Es ist..."
Dabei schob er eine kleine Gestalt in das Licht des Decks. Es war ein Kind, ein Mädchen. Sie konnte kaum älter sein, als Ronnel gewesen war, als er vom Prinzen zum Bastard geworden war. Sie war dreckverkrustet und übersäht mit blauen Flecken. Blut klebte am Mundwinkel.
Ronnel starrte das Kind fassungslos an. "Bei den Zwölfen, was haben sie Dir angetan?"
Das Mädchen blickte furchtsam zu Boden. Ronnel drehte sich zu Damián und Tess um. "Was habt Ihr kranken Schweine diesem Kind angetan?" Die beiden Piratenkapitäne antworteten nicht. Ronnels Kiefermuskeln arbeiteten. "Hauptmann!", rief er dann, und gerade als der Gerufene hinzutrat, drückte ihm Ronnel die Kette in die Hand. Mit der anderen fuhr er in seinen Mantel und holte einen Schlüssel hervor. "Führe diese beiden in die Zelle unter Deck. Niemand wird zu ihnen gelassen. Bringe mir den Schlüssel zurück, sobald Du sie weggesperrt hast. Ich bin der Einzige, der mit ihnen spricht. Hast Du mich verstanden?"
Der Hauptmann nickte und führte die beiden Piraten ab. Ronnel drehte sich zu dem Mädchen, das immernoch bei dem Soldaten stand, der sie gefunden hatte.
"Wie heißt Du, Kleine?", fragte er sanft und nahm sie ganz behutsam auf.
"Lissy", antwortete sie schwach.
"Lissy,", wiederholte er, "dieser Alptraum ist jetzt für Dich vorbei. Hörst Du?"
Das Mädchen schluchzte leise, während er es über die Planke hinüber auf das almadische Schiff brachte.
Erst nachdem er Lissy zum Schiffsarzt gebracht hatte, zog Ronnel sich in seine Kajüte zurück. Er hatte sich einen dünnen Wein bringen lassen, um den anschwellenden Hals zu betäuben und um die Nerven zu beruhigen. Er hatte kein Problem mit Mord und Totschlag und all den grausamen Dingen, die Erwachsene einander antun konnten. Doch sich auszumalen, was diesem Kind widerfahren sein musste, nahm ihn mehr mit, als er jemandem zeigen wollte.
Erst nachdem die Flasche halb leer war, lies er den ersten Piraten zu sich bringen, um die angekündigten Gespräche zu führen. Sie verliefen alle gleich: Zunächst waren die Piraten verschlossen. Einige drohten. Einer wollte ihn sogar angreifen, und er musste ihn niederstechen. Doch schließlich fassten die meisten die Hoffnung, den Hals tatsächlich noch aus der Schlinge ziehen zu können. Ronnel Grape hörte aufmerksam zu, stellte interessierte Gegenfragen und war überrascht, wie leicht die meisten dieser Leute ihre Piraten-Kumpane verrieten, nur um sich selbst zu retten. Mit jedem Gespräch verlor er mehr und mehr das Wenige an Achtung, das er vor den Piraten einmal gehabt hatte.
Doch er erfuhr, was er erhofft und seinem Haus versprochen hatte: Eine Auflistung aller Verstecke der Piraten mit Informationen darüber, wie man dorthin gelangte, mit welchen Unwägbarkeiten man rechnen musste und wieviel Beute sich dort noch versteckte.
Haus Montrose hatte den Rosenbastard zwar ohne Bezahlung und zugunsten aller almadischen Adelshäuser entsandt, doch es war nie die Rede davon gewesen, die Beute der Piraten ihren ursprünglichen Besitzern wieder zurück zugeben. Ronnel hatte eine Karte angefertigt, auf der die Lage der Verstecke verzeichnet waren. Als nächstes würde er diese Orte alle bereisen und einsammeln, was zu finden war. Dann würde er mit einem Haufen Gold nach Almada zurückkehren.
Selbstverständlich erwartete keinen der Piraten eine Begnadigung. Noch vor Ablauf der Nacht würden sie alle über die Planke springen. Ihr Schiff würde angezündet und dem Schwarz des Meeres übergeben werden.
Als der letzte Seeräuber befragt und zurück an Deck des Piratenschiffs geführt war, lehnte sich Ronnel zurück und legte die Füße auf den Tisch. Gleich würde er hinüber gehen und die Hinrichtungen der Piraten anordnen. Vermutlich würde er die ersten auch selbst durchführen müssen. Keine Aufgabe, auf die er sich sonderlich freute.
Da öffnete sich die Tür.
"Darf ich reinkommen?", fragte Lissy.
Ronnel hatte sie ganz vergessen, doch er spürte, dass er sich aufrichtig über ihren Besuch freute.
"Natürlich.", antwortete er, "Geht es Dir gut? Bist Du versorgt worden?"
Sie schloss die Tür wieder und kam leise auf ihn zu. Dann kletterte sie auf den Tisch und setzte sich vor ihm hin. Beiläufig stellte er fest, dass sie viel besser aussah. Tatsächlich konnte er keinen blauen Fleck mehr sehen. Das Blut und der Schmutz waren abgewaschen. Ein hübsches Kind. Wieder wollte er ansetzen, etwas zu sagen, als sie den Zeigefinger über die Lippen legte.
"Psst! Ich muss Dir was erzählen." Sie legte die Hände ganz behutsam auf seine Schultern. "Du musst jetzt ganz ruhig sein und darfst Dich nicht bewegen.", fügte sie hinzu. Er spürte, wie eine seltsame Kälte durch seinen Körper fuhr. Dann konnte er sich nicht mehr bewegen. Ganz wie sie befohlen hatte. Lissy beugte sich zu ihm vor und flüsterte so leise, als wären sie Verschwörer. Ronnel konnte nur schweigend starren.
"Ich kann verstehen, dass Ihr Eure Sachen zurück haben wollt.",flüsterte Lissy, "Mama und Papa hätten die Seefahrer aus Deinem Land nicht töten sollen. Ich war wütend auf die beiden, weil ich wusste, dass nun alles schlimm werden würde."
Ronnel riss die Augen auf, doch er brachte keinen Laut von sich. Lissy flüsterte unbeirrt weiter: "Nicht mal als Du Mama und Papa vergiftet und verprügelt hast, hab ich was gemacht. Weil ich wusste, dass ich sie retten kann. Und naja... ich wusste auch, dass sie eine Abreibung verdient haben. Damit sie es lernen."
Ihre kleinen Finger tasteten an seiner Kleidung entlang, fuhren dann zielsicher in den Mantel und holten den Schlüssel hervor.
"Aber jetzt ist es genug. Die beiden sind doch meine Eltern. Sie helfen mir immer. Und ich helfe ihnen. Sie können nicht hier bleiben."
Der Schlüssel verschwand im Kinderstiefel.
"Du musst Dir um Deine Mannschaft keine Sorgen machen. Die sind alle drüben auf unserem Schiff. Auch der Arzt. Der ist sehr nett."
Damit stand sie auf und griff nach der Öllaterne.
"Ich glaube, dass Du auch nett bist. Aber ich bin böse auf Dich, weil Du Haya umgebracht hast. Das mit dem Umbringen muss jetzt aufhören."
Die Öllampe fiel zu Boden und zerbrach.
"Nur noch einmal."
Ronnel riss panisch die Augen auf.
"Dieser Alptraum ist jetzt für Dich vorbei. Hörst Du?"

An Bord des Piratenschiffs hoben alle – Seeräuber und Soldaten – die Köpfe, als die Flammen aus dem Unterdeck das almadischen Schiffes leckten und rasend schnell die Segel fraßen. Das Schiff sank rasch und nahm die beiden gefürchteten Piratenkapitäne, das kleine Mädchen und den Rosenbastard mit hinab in ein nasses Grab. Ein Opfer für Efferd, den Gott der Meere.

Einige wollen Damián und Tess später noch einmal gesehen haben. Es heißt, sie seien nun ruhelose Geister, die die Meere bereisen und nie wieder einen Fuß auf das Land setzen können.
Andere behaupten, sie hätten von einem Artefakt gehört, der Karte des Rosenbastards, auf der Fundorte von Piratenschätzen verzeichnet sein sollen. Doch es heißt auch, dass einjeder stirbt, der gierig nach den Schätzen sucht. Einige behaupten, dass manche Schätze begraben bleiben sollen.
15.10.2017 14:04
Go Lissy! Go Lissy! Da bin ich froh das das nicht aus Gawain geworden ist :D
Name E-Mail
www
 
Nachricht
 
Bitte trag das Ergebnis nebenstehen ein:

4 plus 1

=