Damián
10.04.2015
Änn
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„Yara, verdamm' nochma'. Mach enlich die verdammmmte Tchüür auf!“ Ihm war klar, dass die Worte nicht mehr ganz deutlich aus seinem Mund kamen, aber das war der Preis, den man für die betäubende Wirkung des Weins zu zahlen hatte. Die Welt um ihn herum schwankte inzwischen stärker, als er es von den letzten Jahren auf See gewohnt war. Als ihm niemand öffnete, sank Damián widerwillig auf die Türschwelle, da ihm das Warten im Sitzen sicherer erschien. Eigentlich hätte er zu seiner Schwester gehen sollen, das wusste er. Doch unterwegs war ihm der Weg ins Gasthaus deutlich verlockender erschienen, als die schmerzlichen Konfrontation. Mit jedem Becher war sein Vorhaben mehr ins Wanken geraten, bis er schließlich den Besuch auf Morgen verschoben hatte. Kurz darauf hatte er sich auf dem Weg zurück in den Hafen befunden. Zuerst wusste er selbst nicht genau warum, doch eher er sich versah, stand er vor Yaras Haus. Ihm wurde klar, dass sie die einzige Person war, die er im Augenblick wirklich sehen wollte. Doch sie trieb sich irgendwo herum und überließ ihn sich selbst. Und das war keine gute Gesellschaft. Er griff nach der Flasche, um sich das Warten zu verkürzen.
„Damián?“ Als er aufschaute, brauchte er einen Moment um sie zu erkennen. Bei ihr ging es schneller. Freudig kam Yara auf ihn zugelaufen.„So eine Überraschung! Was machst du den hier?“ Dann stoppte sie und verzog sie das Gesicht. „Ist alles in Ordnung? Du wirkst, als hättest du getrunken?“ Er schaute zu ihr auf. „Wussdesd du, dasss maine Mutta tot is'?“ Bedauern flog über Yaras Gesicht. „Ja“, flüsterte sie. Pause. Dann: „Du hast es gerade erst erfahren, oder? Oje, das tut mir so leid! Kein Wunder, dass du in diesem Zustand bist.“ Damián nickte schwerfällig. Sie kniete sich neben ihn. „Was meist du, kannst du aufstehen?“ Sie griff ihn unter die Arme und versuchte ihn hochzuziehen. Mühsam schwankend erhob er sich. Die Welt drehte sich für einen Moment stärker. Dann war er ganz nah an Yaras Gesicht. „Ich hab' dir noch garnich' Hallo gesagd.“ Er versuchte ihr einen Kuss auf die Wange zu geben, aber er verfehlte sie und musste sich an den Türrahmen klammern um nicht umzufallen. Sie hievte ihn über die Schwelle und bugsierte ihn in den hinteren Teil des Raumes. „Weisst du...“, begann er. „Ich hab' dich vemissd.“ Er versucht sie zu fixieren und in die Augen zu sehen. Aber im nächsten Moment rutschte sein Kopf in ihre Richtung und dann mache die Welt einen Knick. Hier brach seine Erinnerung ab.

Sonnenstrahlen kitzelten sein Gesicht, als er erwachte. Vorsichtig öffnete er ein Auge und hatte augenblicklich das Gefühl, als hätte jemand die ganze Nacht mit einem Kochlöffel in seinen Kopf herumgeführt. Damián stöhnte. „Na schon wach, Trunkenbold?“ Yaras Stimme war irgendwo dicht neben ihn. Umständlich drehte er sich in ihre Richtung.  Sie saß auf dem Bettrand und beobachtete ihn belustigt. „Die wievielte Stunde ist es?“, fragte er. „Oh, es ist noch ganz früh. Du bist gestern sehr zeitig ins Koma gefallen.“ Mühsam setzte er sich auf. „Es tut mir wirklich leid. Ich hoffe, ich habe nicht allzu viel Unsinn erzählt. Wenn doch, hoffe ich, du kannst mir verzeihen und vergisst  alles ganz schnell wieder“ Sie presste die Lippen kurz aufeinander. „Was?“, fragte Damián. Yara schaute ihn prüfend an. „Du kannst dich wirklich an nichts mehr erinnern?“ Er schüttelte den Kopf. Sie stemmte tatkräftig die Hände in den Schoß. „Dann mache ich es genauso und vergesse auch alles.“ Damián hatte immer noch das Gefühl, dass irgendetwas ungesagt im Raum stand. Aber er beschloss, es vorerst zu ignorieren. Er atmete einmal tief durch und sammelte seine Kräfte. „Folgender Vorschlag: wir frühstücken, das heißt ich versuche etwas Essbares herunter zu bekommen und du kannst mich dabei auslachen und dann könnten wir zum Meer. Ich war ewig nicht mehr an unserer Stelle schwimmen.“
Es fühlte sich fast wie in alten Zeiten an, wie sie später nebeneinander in der Sonne lagen. Das Wasser hatte seine Lebensgeister wieder geweckt. Damián fiel nun das Päckchen wieder ein. Er setzte sich auf und durchsuchte seine Sachen. Schließlich barg er das in hellblaue Tuch eingeschlagene Geschenk und überreichte es Yara. Sie schaute ihn leicht an. „Was ist das?“ Er bedeutete ihr, es zu öffnen und das tat sie dann auch. Ein Lächeln breitete sich in ihrem Gesicht aus. „Du hast daran gedacht.“ Begeistert betrachtete sie den verzierten Kamm, den er ihr mitgebracht hatte. Wie hatte er nicht daran denken können? Die letzten zwei Jahre unter der Herrschaft des Ersten Maats der „Sommerrose“ waren für ihn die Hölle gewesen. Seine einzigen Lichtblicke waren die Gedanken an zu Hause. Ein ums andere Mal, als er sich wieder die Hände blutig geschrubbt hatte oder ihn die Peinigungen der Besatzung fast die Tränen in die Augen getrieben hatten, war er in die Vergangenheit geflüchtet. Nur war er auch dort nicht sicher gewesen. Im Schatten hatte ständig Yara gelauert und laut eine Erklärung für sein Verhalten bei ihrer letzte Begegnung gefordert. Yara, die immer für ihn da gewesen war. Seine beste Freundin, seine größte Vertraute.  „Ich habe dir versprochen, dass ich dir etwas mitbringe und Versprechen muss man halten“, antwortete er schließlich. „Danke.“ Er holte tief Luft. „Yara, ich wollte dich in aller Form um Entschuldigung bitten. Bei unserem letzten Treffen habe ich mich wie ein Idiot verhalten. Das hattest du auf keinen Fall verdient.“ In den langen Stunden an Bord, in denen er darüber nachgedacht hatte, hatte er sich entschlossen, es diesen Worten zu belassen und nicht irgendwelcheErklärungen hinzuzufügen. Kein: „Ich hatte ja keine Ahnung, was du für mich empfindest“. Kein „Ich war einfach so überrascht.“ All das hätte hohl geklungen. Auch wenn es die Wahrheit war, dass der Kuss alles zwischen ihnen verändert hatte.  Auch jetzt wusste er immer noch nicht,  was er davon halten sollte. Sie sah ihm lange prüfend in die Augen und schien sich viel Zeit zu lassen, ihr Urteil abzuwägen. „Ich war selbst nicht besser. Ich hätte einfach etwas sagen können. Früher.“ Wieder überlegte sie einen Moment. „In Ordnung. Ich verzeihe dir“, sprach sie schließlich die befreienden Worte. Er holte tief Luft und wollte zu seiner vorbereiteten Rede ansetzen. Er wollte ihr sagen, dass er seine Mutter hatte bitten wollen, dass er wieder zurück durfte, aber dass sich das nun erledigt hatte. Dass er im Augenblick nicht so recht wusste, ob er in der Stadt bleiben sollte. Dass er nicht wusste, was sie nun von ihm erwartete, aber dass sie ihm auf jeden Fall wichtig war. Dass sie für ihn ein Grund wäre zu bleiben. Sie kam ihm zuvor. „Damián“, begann sie und holte tief Luft. „Jetzt wo wir das aus der Welt geschafft haben, muss ich dir einfach die guten Nachrichten mitteilen. Ich... werde heiraten.“ Er war wie vom Donner gerührt. „Was?“ „Ich werde heiraten.“ Er zog die Brauen zusammen. „Den Teil habe ich verstanden, aber... WAS? Warum? Wen?“ Sie lächelte. „Du wirst mich für verrückt erklären. Ich werde Nevio heiraten.“ Damián durchforstete sein Gedächtnis nach dem Namen, aber er bekam kein Bild. Dann fiel der Groschen. „Das ist nicht dein Ernst! Wieso?“ „Oh er ist längst nicht mehr so wie früher. Wir werden alle irgendwann erwachsen.“ Damián wusste nicht was er dazu sagen sollte. Was erwartete sie nun von ihm? War das irgendeine verquere Frauenlogik und sie wollte, dass er sie davon abhielt? Oder sollte das bedeuten, dass sie erwachsen geworden war und deshalb über ihn hinweggekommen war?  „Erwachsen zu sein ist noch lange kein Grund zum Heiraten“, begann er wage. „Ich meine, da gibt es hoffentlich mehr, das euch … verbindet?“ Ein warmes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht wie warme Sonnenstrahlen im Frühling aus. „Ja.“ Das war ihm Antwort genug.

Die Sonne versank langsam im Meer. Damián stand am Kai im Hafen und blickte in Richtung der anlegenden Schiffe. Aber eigentlich ließ er seine Gedanken kreisen. Seine Mutter war tot. Yara würde bald heiraten. Niemand von den Leuten, für die er hatte nach Grangor zurückkehren wollen wartete auf ihn. Seine Schwester hatte dem Ganzen die Krone aufgesetzt. Die Begegnung mit ihr hatte ihm vor Augen geführt, dass sie nicht zusammen aufgewachsen waren. Mutters Tod hatte sie nicht so tief getroffen wie ihn. Sie plapperte die ganze Zeit nur von ihrem großen Vorhaben in den Peraine-Tempel einzutreten. Also hatte er sich auf die einzige Art um sie gekümmert, die ihm einfiel. Er hatte ihre Pflegeeltern großzügig mit Mutters Erbe entlohnt, damit sie alles in die Wege leiten konnten. Den Rest der Habe hatte er seiner Schwester gegeben. Sie war ein verantwortungsbewusstes Mädchen und würde das Geld und den Schmuck  für schlechte Zeiten bewahren, falls in ihrem Leben etwas nicht klappte. Damián hatte von den Sachen seiner Mutter nur ein paar Münzen und den Ring für sich behalten, den Luz immer getragen hatte. Ihn hielt er jetzt in der Hand und ließ ihn in den Fingern kreisen. Niemand in der Stadt brauchte ihn, niemand war es wichtig, dass er blieb. Trotzdem war es schwer, sich zu trennen. Grangor war seine Heimat. Er konnte trotz allem bleiben. Sich eine Arbeit suchen. Irgendwo leben und ein normales Leben führen. Er betrachtete den Ring. „Weißt du, ich schicke dich nicht weg, weil ich wütend auf dich bin“, hatte sie ihm vor zwei Jahren gesagt. „Ich wünsche mir für dich einfach eine Zukunft jenseits des Hurenhauses. Meine Kinder haben etwas besseres verdient. Also müsst ihr lernen, dass die Welt euch viele Möglichkeiten zu bieten hat und wo ginge das besser, als auf einem Schiff? Die See und die Winde können dich zu jedem erdenklichen Ort bringen. Im Augenblick mag es sich wie eine Strafe anfühlen, aber sei dir sicher: es ist eine Chance. Ein Eintrittstor in eine Welt voll mit Gelegenheiten, die du ergreifen kannst. Ich bin sicher, du wirst mich eines Tages stolz machen. Bis dahin bin ich in Gedanken immer bei dir.“ Das waren ihre letzten Worte an ihn gewesen, als sie sich an dieser Stelle verabschiedet hatten. Damals hatte er nicht einmal richtig zugehört, aber jetzt im Lichte des Verlusts bekamen die Worte Bedeutung. Damián steckte den Ring in die Tasche. Langsam ging er in Richtung Schiffsanleger. „Na, hübscher Junge“, begrüßte ihn Dero, als er an Deck kam. „Hattest wohl kein Glück, deine Dinge in der Stadt zu regeln?“ Der alte Oberquartiermeister war einer der wenigen Leute an Bord, die Damián leiden konnte.  „Ach weißt du, Frauen... ich schätze da bleibt mir nur die See.“  Dero nickte. „Aye, aber sie ist eine ziemlich kalte und nasse Geliebte!“ Damián legte ihm die Hand auf die Schulter. „Rahja sei Dank bin ich gesegnet. Es gibt viele Häfen da draußen mit vielen hübschen Mädchen, die sich gewiss über etwas Gesellschaft freuen.“ Sie scherzten noch eine Weile miteinander. Damián wusste, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Zwei Tage später wurde die „Sommerrose“ von Piraten angegriffen. Ohne lange darüber nachzudenken, wechselte Damián die Seiten.
11.04.2015 16:54
So war das also. An allem sind die Frauen schuld. Das verfolgt Damián irgendwie...
Dani (Gast)
14.04.2015 19:47
..und wird es auch weiterhin :D
14.04.2015 20:14
Naaaa jaaaa....dass Yara wen anders hatte, war ja nicht ihre Schuld. Aber gut so...so hatte Tess wenigstens auch noch was von ihm :D
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