Damián
23.03.2015
Änn
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Als sie öffnete, stand vor der Tür ein großer, junger Mann mit zerzausten, braunen Haar. Er schaute sie mit einem Lächeln an, das ihr unheimlich bekannt vorkam. „Damián?", fragte Najah überrascht. Er strahlte sie an und schloss sie herzlich in die Arme. „Najah, es tut so gut dich zu sehen und wieder zu Hause zu sein.“ Ihr Innerstes zog sich schmerzhaft zusammen. Er war seit zwei Jahren nicht hier gewesen und er hatte keine Ahnung, was passiert war.
Als er sich wieder von ihr löste, beschloss sie ihn erst in die Ruhe des Hauses zu führen, bevor sie ihm das Herz brach. Unterwegs bestürmte er sie mit Fragen und jede davon versetzte ihr einen neuen Stich. Am schlimmsten war die Fröhlichkeit, mit der er ihr Schweigen ignorierte und einfach zur nächsten Frage überging. Fast erleichtere es sie, als sie im Speisezimmer ankamen und sie sich in eine gewisse Geschäftigkeit flüchten konnte. Nervös schüttelte sie die Kissen auf. „Hier. Setz' dich erst einmal. Möchtest du etwas essen oder trinken?“ „Ich wollte eigentlich gleich mit meiner Mutter sprechen. Oder ist sie im Augenblick beschäftigt? Dann warte ich natürlich. Aber es gibt wirklich viel zu erzählen und zu besprechen. Weißt du, ich wollte fragen ob...“ „Damián“, unterbrach Najah ihn. Der Moment  war gekommen, in dem sie ihm die Wahrheit sagen musste. „Luz ist tot.“ Schlagartig herrschte Stille. „Sie ist vor drei Monaten gestorben. Wechselfieber. Sie muss schon länger daran gelitten haben, aber sie hat niemanden etwas davon gesagt. Wahrscheinlich, weil es ihr phasenweise besser ging. Aber in den letzten Wochen ist das Fieber dann enorm angestiegen und hat sie übermannt. Der Heiler konnte ihr nur noch Linderung verschaffen. Aber sie hat in dieser Zeit sehr viel von dir gesprochen...“ „Nein“, war alles, was er hervorbringen konnte. Kaum mehr als ein schwaches Flüstern. „Deine Schwester war bei ihr, als es mit ihr zu Ende ging. Bei der Trauerfeier war sie auch da. Die Feier war sehr... bewegend. Wir haben Luz' Asche im Meer verstreut. Es haben ihr viele Leute ihre Aufwartung gemacht.“ Damián schüttelte heftig den Kopf. „Nein! Das ist alles ganz falsch... ich...“ Die Stimme versagte ihm. Najah ging auf ihn zu. Wollte ihn trösten, doch in diesem Moment drehte er sich von ihr weg. Einen Augenblick später sagte er gepresst: „Ich glaube, jetzt könnte ich etwas zu trinken gebrauchen.“ Sie verstand sofort und verließ den Raum ohne eine weitere Frage. In der Küche ließ sie sich besonders viel Zeit. Sorgsam stellte sie ein Tablett mit Wasser und Sommerwein zusammen und legte nach kurzem Überlegen noch ein paar Datteln dazu. Beim Hinausgehen fing Samira sie ab. „Ich habe gehört, unser kleiner Prinz ist wieder in den heimischen Schoß zurückgekehrt.“ In gespielter Überlegung betrachtete sie ihre Fingernägel. „Warum teilt man mir das nicht umgehend mit? Ich möchte ihn sehen!“ Ihre Stimme duldete keinen Widerspruch.
Als sie zurück ins Zimmer kamen, hatte der Junge sich an den Tisch gesetzt und seinen Kopf tief zwischen den Armen vergraben. Erst, als sie das Tablett mit einem leichten Klirren vor ihm absetzte, schaute er auf. Seine Augen waren gerötet. Dankend nickte er ihr zu. Najahs Blick ging zu Samira. Sie kannte natürlich alle Geschichten, die sich über die beiden erzählt wurden. „Soll ich euch alleine lassen?“, fragte sie. Samira schüttelte den Kopf. „Keineswegs. Damián und ich haben etwas geschäftliches zu besprechen. Ich brauche dich als Zeugin.“ Damián schien sie erst jetzt mitbekommen zu haben. Sein Kopf fuhr in ihre Richtung. „Samira?“ Für einen winzigen Augenblick schlich sich ein Lächeln auf sein Gesicht. Doch als sie sich setzte, lag in ihrem Blick keineswegs die Freude einer wiedergefunden Liebe. Ihre Lippen umspielten eher ein boshaftes Lächeln. In diesem Augenblick schoss Najah der Gedanke durch den Kopf, dass sie wohl beschlossen haben musste, Damián den Rest zu geben. „Wie ich sehe, hast du die traurige Nachricht schon gehört“, begann Samira. „Das hat uns alle sehr getroffen. Deine Mutter war uns allen sehr wichtig... nichtsdestotrotz das Leben muss weitergehen. Es steht schließlich nicht still und das Geschäft tut es erst recht nicht. Deshalb hoffe ich, dass du nicht hier bist, um irgendein Erbe in Anspruch zu nehmen.“ Damián schien überrascht. „Erbe?“ Samira deutete in einer eleganten Bewegung in den Raum. „Na das hier. Das Hurenhaus.“ Er überlegte. An seinem Gesicht war zu erkennen, dass es im Augenblick nichts Unwichtigeres  für ihn gab, als über so etwas nachzudenken. „Nein,“ sagte er schließlich. „Was sollte ich da auch erben? Wir sind keine Adligen die irgendwelchen Besitz haben, den sie jemanden abtreten können. Das Haus gehört Mutters Geschäftspartner und sie hat es für ihn geführt und mitverdient. Und ich hatte...“ Sie unterbrach ihn. „...hattest dich nie in der Rolle des Verwalters gesehen. Das sehe ich genauso. Und deine Mutter war vermutlich der gleichen Meinung, sonst hätte sie nicht versucht einen Seemann aus dir zu machen, sondern dir etwas über das Geschäft beigebracht. Da wir ja alle einer Meinung sind, wird es dich freuen zu hören, dass ich nun dieses Haus leite.“ Najah merkte wie der Junge einen Moment stutzte. Dann schien er die Härte der Worte zu ignorieren und nickte. „Du bist sicher eine gute Wahl.“ Seine Finger bewegten sich in ihre Richtung und versuchten nach ihrer Hand zu greifen. Augenblicklich zog sie sie zurück und goss sich statt dessen ein Glas Wein ein. Najah erinnerte sich, mit welcher eiskalten Berechnung Samira sich gegen ihre Konkurrenz durchgesetzt hatte. Letztendlich stützte sich ihre augenblickliche Position nicht auf Erfahrung, sondern allein auf den Einfluss den sie auf Mataró hatte. Da Luz' Geschäftspartner soviel Gefallen an der Frau fand, war den anderen Mädchen am Ende nichts anderes übrig geblieben, als die neue Führung zu akzeptieren.
Samira stand auf und leerte den Wein. Für einen Augenblick herrschte Schweigen, in dem jeder seinen eigenen Gedanken nachging. Najah überlegte gerade, ob sie nun gehen konnte, als Samira wieder das Wort ergriff. „Ich werde mir Mühe geben.“ Für einen kurzen Moment betrachtete sie Damián fast liebevoll. Doch der Augenblick verging und ihr Gesicht wurde wieder hart und undurchschaubar. „Gut, da wir das nun geklärt haben, ist dir hoffentlich klar, was das bedeutet. Da du mit niemanden hier in verwandtschaftlichen oder geschäftlichen Verhältnis stehst, kann ich dich nicht wie früher einfach ein Zimmer beziehen lassen. Es sei den natürlich, du hast vor unsere Dienste in Anspruch zu nehmen und dafür zu bezahlen.“ Damián schaute sie an, als hätte sie ihn geohrfeigt. „Was? Samira, das hier ist trotz allem mein zu Hause!“ Sie zuckte die Schultern. „Geschäft ist Geschäft. Du bist wegen Luz hier länger geduldet worden, als jedes andere Kind. Aber inzwischen bist du ein Mann. Selbst deine Mutter hat am Ende eingesehen, das deine Anwesenheit hier schädlich für das Haus ist, warum sollte ich also einen Unterschied machen?“ Der Junge sah aus wie ein verletztes Tier. Am liebsten hätte ihn Najah augenblicklich in die Arme geschlossen, aber Samiras Blick hielt sie an Ort und Stelle. „Gib mir nur eine Nacht“, sagte Damián schließlich schwach. „Eine Nacht in der ich meine Gedanken sammeln kann. Und Abschied nehmen. Morgen früh bin ich verschwunden. Versprochen. Das kannst du mir nicht abschlagen. Nicht nach allem, was zwischen uns gewesen ist.“ Geschmeidig wie eine Raubkatze ging sie auf ihn zu und kniete sich vor ihm hin. Sie ergriff Damiáns Hände und schaute ihm tief in die Augen. „Nach allem was zwischen uns gewesen ist?“ Sie lächelte sanft. „Denkst du wirklich, das hatte irgendeine Bedeutung? Du warst ein Mittel zum Zweck. Und jetzt bin ich hier, genau in der Position, die ich wollte. Du weißt doch: Vertrau nie einer Hure.  Ich hab mein Angebot gemacht. Du kannst bleiben, wenn du zahlst.“ Für einen Augenblick starrten sie einander in die Augen. Dann stand Damián wortlos auf und verließ das Zimmer. Samira wandte sich an Najah. „Folge ihm.“ Sie wollte gerade noch etwas sagen, als sich die Andere von ihr wegdrehte. Trotzdem sah sie für einen Moment den Ausdruck des Bedauerns auf ihrem Gesicht. Eilig verließ sie den Raum.
Najah holte ihn kurz vorm Garten ein. „Damián, warte.“ Stürmisch drehte er sich um. Zorn und Trauer kämpften in seinem Gesicht um die Oberhand. „Du hast sie doch gehört. Ich hab hier nichts länger zu suchen!“ Ohne ein weiteres Wort schloss sie ihn in die Arme. Kurz kämpfte er dagegen an, dann war er plötzlich wieder der kleine Junge, der früher so oft Trost bei ihr gesucht hatte. „Nimm es ihr nicht übel“, sagte sie nach einer Weile. „Luz hat sie nach deinem Weggang nicht gerade freundlich behandelt.“ Er blickte zur Seite. „Darum geht es doch gar nicht... Ich schätze, es war einfach dumm von mir zu glauben, dass ich einfach so zurückkehren könnte, als ob nichts gewesen wäre. Selbst wenn Mutter...“ Er brach ab. Najah nahm im beim Arm und führte ihn hinaus. „Komm, setz dich noch einmal, bevor du gehst. Ich habe etwas für dich.“ „Ich hoffe nicht, dass du versuchst die Sache wie früher mit Süßigkeiten wieder gerade zu rücken. Das hat damals schon nicht besonders gut funktioniert“, sagte Damián zu ihr. Najah lächelte. „Oh, daran habe ich gar nicht gedacht. Warte.“ Sie ließ ihn beim Brunnen zurück und eilte in ihr Zimmer. Unter dem Bett barg sie das Holzkästchen und den Lederbeutel, den sie dort für ihn aufbewahrt hatte.
„Hier.“ Behutsam reichte sie ihm die Dinge, als sie wieder bei ihm war. „Das sind die Wertsachen deiner Mutter, die ich vor den anderen Mädchen retten konnte. Aber an ihren Kleidern hättest du vermutlich eh kein Interesse gehabt. Ich hätte die Sachen auch Elena geben können, aber da du der Ältere von euch beiden bist, habe ich gewartet.“ Er warf einen flüchtigen Blick in das Kästchen. „Danke.“ Als sie  ihn zur Tür brachte, fragte sie: „Was wirst du jetzt tun? Wirst du in der Stadt bleiben?“ Damián schaute ihr lange in die Augen. „Das hatte ich eigentlich vor. Aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Vermutlich muss ich einfach wieder ein klaren Kopf kriegen und darüber nachdenken.“ Najah nickte langsam. „Mach das und vergiss nicht dich zu verabschieden, falls du fahren solltest.“ Er umarmte sie. „Auf Wiedersehen, Najah.“ Sie nickte. Doch es fühlte sich wie ein Abschied für immer an.
14.04.2015 20:02
Ich sag doch die hätten sie feuern sollen!
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