Once
03.01.2014
Änn
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Schwerfällig öffnete Keane seine Augen. Das Licht der grauen Sonne blendete ihn einen Augenblick lang, dann konnte er die Musterung der Decke über sich erkennen. Sein Körper schmerzte vom harten Betonboden, der kaum durch die mottenzerfressene Decke gemildert wurde, die er ergattert hatte. Mit einem widerwilligen Ruck setzte er sich auf. Haare klebten ihm im Gesicht, die er mit einer unwirschen Bewegung zur Seite wischte. Er blickte sich um. Lya und Areen schliefen noch, während Krypta fasziniert durch die 'Schrift blätterte, die sie vor ein paar Tagen im Block entdeckt hatten. Der Rest von ihnen hatte sich in den anderen Räumen verteilt und versuchte wohl dort die Zeit tot zu schlagen. Sie warteten schon mehrere Tage darauf, dass Siegfried zurück kehren würde. Der Block war zwar einigermaßen bequem und in manchen Räumen gab es sogar noch Überbleibsel alter Möbel, aber es war nicht gut zu lange an einem Ort zu bleiben.
Keane überlegte. Sieben. Sieben Tage musste es her sein, seit Siegfried weg war. In einer anderen Zeit hätte man von einer Woche gesprochen, das wusste er. Früher, vor dem großen Bang. Dem Krieg, mit dem alles angefangen oder besser aufgehört hatte. Siegfried hatte ihnen davon erzählt. Er hatte sogar noch die Zeit davor miterlebt. Er war 16 gewesen, als die Katastrophe eingetreten war. Manchmal erzählter er ihnen von früher. Als es noch Orte gab, wo man jederzeit Essen bekommen konnte und jeder in einem festen Haus wohnte und am Himmel noch eine helle Sonne schien.
Siegfried war ihr Pa. Seit Ma von den Piroi getötet worden war, kümmerte er sich alleine um sie. Die Ältesten, wie Zec, Torm und Reenee, waren inzwischen meistens alleine unterwegs. Xera war aber noch bei der Gruppe und hatte die Aufgabe übernommen auf die Jüngeren aufzupassen, wenn ihr Pa weg war.
Zu ihr machte sich Keane nun auf den Weg. „Morgen“, sagte er als er das türloses Schlaf' betrat, in dem sie sich eingerichtet hatte. Sie schaute von ihrem Buch auf. „Keane, du bist schon wach?“ Ihre dunklen, geflochtenen Haare, die lange, markante Nase und die blauen Augen kamen der Erinnerung sehr nahe, die er von Ma hatte. Andererseits waren da auch die Narben auf ihren Armen von den Kämpfen mit Dawn und anderen Zeten-Mitgliedern. „Ich hab' Hunger“, stellte Keane fest. Xera erhob sich und ging zum hinteren Teil des Raums, wo sie ihre gemeinsamen Vorräte aufbewahrte. „Bohnen oder Sardinen? Es wird Zeit, dass Pa wiederkommt. Wir haben kaum noch was da.“ Er verzog das Gesicht. „Bohnen.“

Als sie ihm die Dose geöffnet hatte, begann sie wieder in ihrem Buch zu lesen. Er ließ sich in einer Ecke nieder und betrachtete sie. „Du?“, fragte er nach einer Weile. „Können wir heute vielleicht ein bisschen Lesen üben?“ Wenn sie unterwegs waren, blieb dafür kaum Zeit, aber ihr Pa legte viel Wert darauf, dass alle von ihnen schreiben und lesen lernten. Gestern hatten sich Lya und Areen wieder über ihn lustig gemacht, weil er so schlecht darin war und er hatte langsam die Schnauze voll davon. Xera wollte gerade etwas sagen, als sie plötzlich zusammenfuhr. Er hatte das Geräusch auch gehört. Es kam von unten. Reflexartig griff seine Sis' ihr Messer und legte den Finger auf den Mund. Dann schlich sie langsam Richtung Ausgang. Minuten vergingen. Angespannt wartete er in seiner Ecke. Endlich erklang ein Pfeifen. Dreimal kurz hintereinander. Keane atmete erleichtert auf. Das war das Signal, dass Siegfried wieder da war. Langsam folgte er seiner Schwester. Inzwischen hatten sich auch ein paar der Anderen nach unten begeben und drängtensich um ihren Pa.  Er war ein großer Mann, dunkel und kräftig. Seine Vergangenheit hatte tiefe Spuren auf ihm hinterlassen. Die Zeit der Neuordnung hatte ihm zwei Finger und ein Ohr gekostet. Man hatte mehrmals auf ihn geschossen und sein Gesicht war geteilt, von einer langen Narbe, die ein Messer darauf hinterlassen hatte. Keane stellt sofort fest, dass sein Pa hinkte. Seine Hose war mit Blut verkrustet. Seltsamer jedoch war, dass er nicht alleine gekommen war. Neben ihm stand eine Gestalt mit einer schnabelähnlichen Maske vor dem Gesicht – ein H'tea wahrscheinlich. Die Wunde am Bein ihres Pas war scheinbar notdürftig versorgt. Trotzdem musste er gestützt werden, als sie nach oben gingen. Xera gab ihren Geschwistern ein paar Kommandos und sofort wurde Verbandszeug gebracht. Sobald die Verletzung gesäubert und verbunden war, begann Siegfried seine Beute aus der Tasche zu holen. Vor ihnen türmte er mehrere Dosen mit irgendeiner Suppe auf, ein paar Tuben Brende, Schokoriegel und sogar etwas das aussah wie frisches Gemüse. Xera nahm wie immer alles sorgfältig in ihre Obhut und katalogisierte jedes Teil genau. Während sich die gedrückte Stimmung der letzten Tage vollständig auflöste, musterte Keane den Fremden. Er stand in einer Ecke und sagte kein Wort. Sein Pa hatte ihnen beigebracht prinzipiell jeden Außenstehenden zu misstrauen, besonders von solchen Leuten, von denen man die Augen nicht sehen konnte. Warum also hatte er ihn mitgebracht?

Die Antwort sollte Keane am Abend bekommen. An einem Feuer in den unteren Räumen hatten sie alle zusammen zur Feier des Tages etwas Richtiges zu Essen gekocht. Nun saßen seine Geschwister in kleinen Grüppchen herum und unterhielten sich in einem wirren Durcheinander. Siegfried und der Fremde saßen abseits und schienen gedämpft miteinander zu sprechen. Dabei streifte Siegfrieds Blick immer wieder Keane, zumindest bildete er sich das ein. Er saß allein und etwas abseits. Da er der Jüngste von allen war, tat er das oft. Sein ältester Bruder war ganze 18 Jahre älter. Am nächsten dran waren die Zwillinge mit ihren 13 Jahren, aber selbst diese zwei Jahre schienen schon etwas auszumachen. Plötzlich winkte Siegfried ihn zu sich. Verdutzt stand Keane auf. „Setz dich, Junge! Wir haben ein paar Dinge zu bereden“, sagte Siegfried. Er deutete auf den Fremden. „Melchior hier hat mir auf meinem letzten Streifzug das Leben gerettet.“ Still wanderten Keanes Augen auf den H'tea und dann zurück auf seinen Pa. „Ich war im Ryda-Gebiet unterwegs und leider hat mich einer von ihnen entdeckt und Alarm geschlagen. Ich konnte ihnen zuerst ganz gut entkommen, aber dann hat mich einer von ihnen mit der Waffe am Bein erwischt. Da ich zu Fuß also keine Chance zur Flucht hatte, hab ich mich versteckt. Ich wäre bestimmt irgendwann verblutet, wäre nicht plötzlich der H'tea aufgetaucht und hätte mich notdürftig versorgt. Wir mussten eine Weile im Versteck warten um Sicher zu sein, dass die Ryda weg waren. Und nach einer Weile hab ich Melchior dann ein wenig was von euch erzählt, ein wenig über unsere Familie.“ Keane fragte sich, worauf diese Erklärung hinaus lief. Siegfried hatte ihn noch nie über den Verlauf seiner Streifzüge aufgeklärt. „Keane“, erklang plötzlich eine dumpfe Stimme unter der Maske des H'tea. „Kennst du dich zufällig ein wenig mit Leuten wie mir aus?“ „Ihr tragt komische Masken und seid immer alleine unterwegs.“ Der H'tea schob seine Maske langsam zurück. Er hatte keine Haare. Dafür sein Gesicht komplett tätowiert – in der Gestalt eines Totenkopfs. „Keane, bei uns gibt es so etwas wie eine Lebensschuld. Das heißt ein Leben muss für ein anderes bezahlt werden.“  
03.01.2014 19:47
Ui! Cool! Mehr!
07.01.2014 21:22
Science Fiction rockt! Ich bin gespannt, wie es weiter geht...
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