The Blues
26.08.2013
Sonnata
Kommentare: 2
Der Karokönig hat nur ein Auge. 
Maes Gedanken drifteten langsam zur Oberfläche und sie begann aufzuwachen.
Und der Mann hat nur einen Arm!
Mae öffnete blinzelnd die Augen und grübelte über diese letzte Eingebung nach.  
Welcher Mann eigentlich?
Sie seufzte tief und streckte sich, noch auf der Parkbank sitzend, auf der sie eingedöst war.
Ach, kommt Zeit, kommt Rat. Zeit, weiterzugehen.
Mae erhob sich, ging zu ihrem Einkaufswagen und schob ihn in Richtung der Straße.
Im Gehen hob sie die Decke an, die die gefüllten Müllsäcke in ihrem Wagen bedeckte.
Ja, der verfilzte Kater war noch da. Seine Genesung hatte gute Fortschritte gemacht, unterstützt von Maes gute-Nacht-Liedern und reichhaltigem Futter.
Trotzdem schlief er immernoch lange. Sie nickte zufrieden und deckte ihn wieder zu.
An der großen Hauptstrasse mußte Mae anhalten. Wie immer warteten hier bereits einige andere Leute darauf, daß die Ampel auf grün schaltete und sie hielt hinter ihnen an.
"Ich bin gar nicht da." dachte Mae, beinahe schon automatisch, und ließ ihren Blick schweifen.
Schräg vor ihr wartete eine junge Mutter mit ihrem Baby im Kinderwagen. Von der Mutter, die sich intensiv mit ihrem Smartphone beschäftigte, konnte sie unter der weiten Kleidung höchstens die Statur ahnen. Das Baby saß ihr zugewandt.
Das Baby schaute sie an. Verwundert blinzelte Mae. Das konnte doch nicht sein! Sie schaute sich noch einmal nach den anderen Passanten um, die sie umringten. Tatsächlich reagierte keiner von ihnen auf sie. Sie schaute wieder nach vorn. Das Baby schaute sie an.
Es sah sie. Es wußte.
"Kindchen," dachte Mae" kannst du mich etwa sehen?"
Das Baby musterte Mae freundlich und zuckte lächelnd mit den Schultern. Mae lächelte.
"Wie kann das sein, Kindchen? Niemand  durchschaut mich, wenn ich es nicht will."
Der Blick des Kindes ruhte auf Mae und in seinen Augen konnte sie sich gespiegelt sehen.
"Bist du wie ich? Und kannst du Dinge tun, wie ich sie kann? Wenn das wahr ist, Kind, dann bist du etwas ganz besonderes. Es gibt so viel, was ich dir sagen und beibringen möchte, damit du mit deinen Gaben umgehen lernst, aber wahrscheinlich werden wir uns nie wieder sehen."
Resignation und Hoffnungslosigkeit nahmen Mae den Atem und sie schwankte leicht.
Das Baby senkte den Blick und griff in seinen Wagen. Es holte einen Schnuller hervor und betrachtete ihn nachdenklich, bevor es ihn Mae mit einem strahlenden Lächeln hinreichte.
Mae staunte. "Was, Kindchen, deinen Schnuller möchtest du mir geben? Weil er dich immer tröstet, ja? Möchtest du mich trösten?"
Mae schmunzelte und die bösen Geister, die sie bedrängten, lösten sich auf. Ein Gefühl von Dankbarkeit erglühte in ihrem Inneren und schließlich nickte sie.
"Du hast Recht, Kindchen. Was geschehen soll, wird geschehen. Wer weiß, vielleicht treffen wir uns doch noch einmal. Vielleicht triffst du auch jemand anderen wie mich, und kannst von jemand anderem lernen. Ich danke dir, du entzündest ein Licht in der Schwärze. Und wenn es dich gibt, dann gibt es vielleicht noch mehr wie uns. Ist dies der Anfang?"
Mae straffte die Schultern und erschauerte, als es ihr kalt über den Rücken lief.
"Ist dies der Anfang? Haben die Prophezeiungen recht? Ist die Zeit des Wartens vorbei?
Die Zeit des Wartens, des Hoffens und des Bewahrens? Kommen jetzt die anderen? Jene, denen man das Wissen weitergeben muß, und die es anwenden werden?
"
Das Baby lächelte ein schiefes, schelmisches Lächeln und ließ den Schnuller auf den Gehweg fallen, als die Ampel auf grün schaltete und die Mutter mit entschlossenen, schnellen Schritten über die Strasse eilte.
Mae schaute den beiden nach, hob den Schnuller auf und säuberte ihn vorsichtig, ehe sie ihn in ihre Manteltasche steckte. Langsam setzte auch sie sich in Bewegung.

* * *
Joker verfiel in Laufschritt und bog auf den schmalen, mit Gras gesäumten Wachwechselpfad ein, der ihn auf kürzestem Weg wieder zurück zu dem kleinen Schnurrer bringen würde. Er hatte den Kleinen wie befohlen an der Grenze ihres Reviers abgesetzt, weit genug weg, um keinen Feind durch die Anwesenheit des Schnurrers auf ihren Hauptversammlungsort aufmerksam zu machen.
Ihre Beratung hatte eine ganze Weile gedauert.
Der General und ein kleiner Kreis seiner besten Leute - alles erfahrene, alte Haudegen und Denker - hatten alles zusammengetragen, was sie über die Tore und die Schnurrer wußten. Joker mußte noch einmal in allen Einzelheiten erzählen, was er dort in der Nähe des Tores erlebt hatte, als er so spontan und gegen seine Befehle die Katzen verfolgt hatte. Sie wiegten die struppigen Köpfe und nickten, schüttelten mit dem Kopf oder kratzten sich ratlos hinter den Ohren. Es herrschte eine angespannte Stimmung. Sie alle wußten, daß wegen der beunruhigenden Ereignisse etwas geschehen mußte, aber jeder einzelne scheute davor zurück es auszusprechen.
Schließlich war es Joker, der den Mut fasste, sie mit den Tatsachen zu konfrontieren.
Die anderen hatten die furchterregende Erscheinung ja nicht aus der Nähe erlebt. Wieder einmal fürchtete Joker die Degradierung wegen Ungehorsams weniger als die befürchtete Katastrophe, zu der es kommen konnte, wenn sie nichts unternahmen.
Er hatte angemerkt, daß sie mehr zu verlieren hatten, wenn sie sich nicht mit den Schnurrern besprachen und den Ereignissen freien Lauf ließen, als wenn sie versuchten, die Sache gemeinsam wieder unter Kontrolle zu bringen.
Vielleicht war es an der Zeit für ein neues Bündis.
Plötzlich fand er sich umgeben von gefletschten Zähnen, tropfendem Geifer und dröhnendem Knurren wieder. Diese Reaktion war zu erwarten gewesen.
Joker hatte die Ohren hängen lassen und eingeschüchtert den Kopf gesenkt. Schließlich hatten sie aber selbst eingesehen, daß sie im Grunde keine andere Wahl hatten. Und nun waren sie tatsächlich dazu bereit, sich mit den Schnurrern zu beraten.
Es sollte auf neutralem Boden geschehen und es sollte für die Dauer und am Ort des Zusammentreffens einen Waffenstillstand geben. Beide Parteien sollten aufgrund des Ernstes der Lage einen Eid ablegen, der sie am Ort und für die Dauer des Zusammentreffens zur Wahrheit verpflichtete. Sie wählten Joker als Freiwilligen aus, der diese Nachtricht an die Schnurrer weitergeben und dafür sorgen sollte, daß der Schnurrerwelpe wieder bei seinen Leuten leben konnte, wie es sich gehörte.
Vielleicht konnte der Kleine ja die Nachricht gleich an seine Leute weiter geben, schlugen sie vor. Joker hatte Zweifel, aber er würde sein Bestes geben.
Er hatte die Fährte des Kleinen auf dem Pfad gefunden und folgte ihr munter, immer mal wieder mit der Nase am Boden. Nach einer kurzen Weile gesellte sich ein anderer Geruch hinzu. Ein anderer Schnurrer, dessen Spur neben der des Kleinen verlief. Joker schnaubte und brummte unwillig. Anscheinend hatte der Kleine wieder Kontakt zu seinen Leuten. War das nun gut oder schlecht?
Mit einem unguten Gefühl und deutlich vorsichtiger, als gerade eben noch, trottete Joker weiter.
27.08.2013 12:28
So viele schöne, kleine Dinge. *strahl*
27.08.2013 13:04
Oh... so viele Möglichkeiten...

Cool!
Name E-Mail
www
 
Nachricht
 
Bitte trag das Ergebnis nebenstehen ein:

2 mal 4

=