Fiction
07.07.2013
Sonnata
Kommentare: 3
Sie löschten das Licht und schlossen die Tür. Er hörte, wie der Schlüssel von außen im Schloss gedreht wurde. Er lehnte sich auf seiner schmalen Pritsche zurück und starrte ins Dunkel, bis sich seine Augen an die veränderten Lichtverhältnisse gewöhnt hatten.
Er mußte sich jetzt bereit halten. Dieses Versteck hatte seinen Zweck lange erfüllt, aber nun schienen die Ereignisse eine ungemütliche Wendung zu nehmen.
Die Familie, in deren Haus er im Moment untergekommen war,  hatte kaum Fragen gestellt, als er sich ihnen als Haushaltskraft verkauft hatte.
Viele andere taten in diesen Zeiten dasselbe, seit die "Neue Ordnung" herrschte.
Er hatte den üblichen Bedingungen zustimmen müssen. Kein Ausgang ohne ausdrückliche Erlaubnis, keine echte Bezahlung, außer einem gewissen Taschengeld, keine Urlaubstage.
Dafür hatte er ein eigenes Zimmer mit Waschbecken, konnte essen soviel er wollte und mußte sich wenigstens im Moment keine Sorgen um seine eigentlichen Probleme machen.
Das könnte sich allerdings schon bald ändern.
Gestern, als er die Post geholt hatte, war ihm ein Brief aufgefallen, den das Krankenhaus geschrieben hatte. Adressiert war er an den Familienvater und mit etwas Geschick hatte er es fertig gebracht, die Betreffzeile zu lesen, ohne den Brief zu öffnen.
Betreff: Objekt 428-371.
Das war die Nummer, die in seinen Halsring eingraviert war.
Natürlich wußte er nicht, was das Krankenhaus geschrieben hatte, aber es beunruhigte ihn trotzdem. Es konnte nichts Gutes bedeuten.
Für einen Moment überlegte er, die Mutter darauf anzusprechen, aber sie wich ihm seit einiger Zeit aus. Vielleicht war die Sache mit dem Krankenhaus auch auf ihrem Mist gewachsen. Zuerst hatte sie angefangen, mit ihm zu flirten, aber dabei war es nicht geblieben. Als er dann versucht hatte, sie auf subtile Weise zu beeinflussen, hatte sie ihn fallen gelassen und achtete nun penibel darauf, nicht mehr mit ihm allein zu sein.
Anscheinend war er nicht subtil genug gewesen.
Ja, das würde zu ihr passen, wenn sie dann auf die Idee gekommen war, ihn für diese Gehirnoperation vorzuschlagen, damit er sich hinterher nicht mehr erinnern konnte und fügsam und ungefährlich wäre.
Es kam überhaupt nicht in Frage, sich das gefallen zu lassen.
Er sollte jetzt immer rechtzeitig schlafen gehen, damit er wachsam und fluchtbereit blieb. Vermutlich würden sie ihn nicht im Voraus informieren, wann sie ihn zum Krankenhaus bringen würden. Irgendwann hieß es dann einfach: So, komm mit, wir müssen jetzt eine Besorgung machen.
Es gab genau zwei Gelegenheiten, um zu fliehen. Entweder auf dem Weg vom Haus zum Auto, oder beim Aussteigen vor dem Krankenhaus.
Beides hatte sowohl Vor- als auch Nachteile.
Hier im Wohnviertel war sein Gesicht bekannt, das war schlecht. Hier konnte er sich nicht verstecken. Die Straßen mit den Vorgärten waren ruhig und wenig befahren, er konnte deshalb nicht einfach in der Menge untertauchen und sich eine ruhige Seitenstraße suchen. Das waren also Argumente für die zweite Gelegenheit. Andererseits wußte er nicht, ob am Krankenhaus vielleicht schon der Sicherheitsdienst wartete, um eben zu verhindern, daß die Patienten, die für eine solche Operation vorgesehen waren, in heller Panik flohen.
Das war sicher nicht nur einmal vorgekommen.
Sie gingen vielleicht auch davon aus, daß er ahnte, was auf ihn zukam, wenn er erst das Krankenhaus sah. Dagegen konnten sie nicht wissen, daß er etwas ahnte, wenn sie ihn hier zum Auto brachten. Sie wußten nicht, daß er Verdacht geschöpft hatte.
Und dann wäre er wieder auf der Flucht.
Eigentlich schade. Er hatte gerade begonnen, sich an dieses beschauliche Leben mit dieser Familie zu gewöhnen.
Er hatte nur diese kleine fensterlose Kammer mit einer nackten Glühbirne, die an einem Draht von der Decke hing, und die man nur von außen anschalten konnte, und in der Nacht - wenn er eingeschlossen wurde - nur einen Nachttopf anstelle einer Toilette. Das einzige Bißchen Licht, um sich in der Dunkelheit zurecht zu finden, stammte von den Zahlen auf der Digitalanzeige seines Weckers und des schwachen Nachtlichts, aber es war okay. Er hatte ein Dach über dem Kopf und wurde zur Abwechslung für eine Weile nicht gejagt.
Damit war es nun vorbei.
Andererseits konnte er von hier aus auch so wenig erreichen. Die anderen hielten ihn sicher für tot oder schlimmeres. Er sollte versuchen, sie zu finden, sobald er hier raus war.
Er drehte sich auf die Seite und schloss die Augen.
Er mußte jetzt schlafen.
Er mußte morgen ausgeruht und aufmerksam sein.
08.07.2013 17:14
Eklig. Gefällt mir.
10.07.2013 12:33
cool!
23.07.2013 17:14
Cool.
Das klingt wie das Intro zu einer größeren Geschichte. Kommt da noch mehr davon?
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