The Blues
19.01.2013
Sonnata
Kommentare: 2
Es war eine gute Woche. Mae stopfte die Papiertüte mit dem Streuselkuchen zwischen die großen Bündel aus blauen Müllsäcken, in denen sich ihr gesamtes Hab und Gut befand und schob den Einkaufswagen weiter über den unebenen Gehweg. Hier, wo es nicht so viele der anderen Menschen gab, machten sich die Leute nicht so viel Mühe mit der Reparatur.
Der Kuchen, den sie gefunden hatte, war schon angebissen und schmutzig und ein wenig angetrocknet, aber es waren sicher noch vier, vielleicht sogar fünf Bissen! Und reichlich Streusel waren auch noch darauf. Und gerade vorgestern hatte Mae einen dicken grauen Wollmantel gefunden. Was störte schon der große Fleck auf der Vorderseite. Der Mantel war dick gefüttert und sogar heil! Oder war es schon länger her, daß sie ihn in der Mülltonne entdeckt hatte? Kurz nach Weihnachten vielleicht? Mae grübelte vor sich hin und hielt an der nächsten Mülltonne an.
Mechanisch wiederholte sie die immer gleiche Routine. Deckel auf - hineinsehen - in den oberen Schichten wühlen. Wenn es etwas lohnendes gab konnte sie sich freuen wie ein Kind. Sie beendete die Inspektion dieser Mülltonne, setzte den Deckel wieder auf und schob weiter. Nächste Mülltonne. Ui! Popcorn! Sieh mal an! Mae grinste und steckte die Tüte zu dem Streuselkuchen. Heute war ein süßer Tag. Und dabei lag der Abfalleimer der Bushaltestelle sogar noch vor ihr. Sie schob weiter an der verlassenen Sackgasse vorbei...
Mae blieb mitten davor stehen, den Kopf leicht gesenkt. Sie schaute sich nicht um, auch nicht in die Sackgasse hinein, obwohl ihr Verstand ihr gerade vermittelte, daß sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung erkannt hatte. Eine Welle verderbter Bosheit umspülte sie wie die Kälte, wenn man einen Gefrierschrank öffnete,  und schien von so etwas wie einem großen schwarzen Schatten auszugehen. Noch immer drehte Mae den Kopf nicht. Die Bosheit des Schattens schien sich auf sie zu richten wie die Klinge eines Messers.
Mae blinzelte erstaunt. "Nein," dachte sie voller Überzeugung,"ich bin gar nicht da. Du siehst mich nicht."
Die Bosheit, die sie wahrnahm, zerstreute sich in einer diffusen Wolke um sie herum und der Schatten kam zum Stillstand. Mae lächelte still vor sich hin und schob ihren Einkaufswagen langsam weiter. Der Schatten zog sich in seine Ausgansposition zurück und Mae hatte beinahe den Eindruck, daß er sich wunderte. Wenn Schatten so etwas überhaupt konnten. Mae runzelte die Stirn. Es sollte solche Schatten lieber nicht geben. "Wer weiß, ob die am Ende vielleicht noch lästig werden?"
Mae schüttelte den Kopf und murmelte unverständliche Worte vor sich hin. Jemand sollte sich darum kümmern. Sie hatte niemandem erlaubt in ihrer Stadt so böse zu werden.
Sie murmelte weiter und runzelte die Stirn, dann wieder kicherte sie vor sich hin und schob den Einkaufswagen weiter, als plötzlich etwas in den Stapel weicher Müllbeutel in ihren Einkaufswagen fiel. Mae blieb überrascht stehen und schaute.
Es war eine Katze. Ihr verfilztes Fell war an einigen Stellen mit Blut verschmiert. Mae legte den Kopf schief, blinzelte und hörte mit geschlossenen Augen auf die Stimmen.
Schließlich straffte sie sich, öffnete die Augen und griff in einen ihrer Beutel. Sie zog ein fleckiges Stück Stoff hervor, mit dem sie den bewegungslosen Katzenkörper bedeckte und schob weiter, als sei nichts geschehen. Verwundert hielt sie erneut an, als kurz darauf drei Katzen hinter einer Ecke hervorsprangen und sich umsahen. Sie fixierten Mae mit einem lauernden Blick und eine davon rümpfte die Nase.
"Ach, ihr Kätzchen, ich hab nichts zu fressen für euch. Tut mir leid. Die alte Tante Mae hat heute nichts zu verschenken." Sie schob ihren Wagen weiter. "Ach, ihr Kätzchen,"dachte sie,"ich bin gar nicht interessant für euch."  Sie schmunzelte, als die Katzen den Blick von ihr abwandten und die Strasse hinunter schlichen, aus der sie gekommen war.
"Mach dir keine Sorgen, Kitty-Kätzchen."murmelte sie," du kommst jetzt erst mal mit zu Mama Mae. Ich hab noch eine Dose Fisch versteckt, du wirst sehen!"
Mae beanspruchte einen der besten Plätze der Stadt für sich. An einer Seite des großen Parkhauses wurde im Winter immer warme Luft aus den Lüftungsgittern geleitet. Direkt daneben hatte sich Mae einen großen Pappkarton hingestellt und sogar inzwischen mit einigen Plastiktüten bedeckt, sodaß er auch bei Regen dicht hielt.
Irgendwie hatte noch nie jemand versucht, sie von dort zu vertreiben.
"Recht so." Dachte Mae und verkroch sich mit dem Fellbündel im Warmen.
Sie setzte sich bequem auf ein Bündel Lumpen und hob es auf ihren Schoß.
"Na du kleiner räudiger Flohzirkus." murmelte sie leise mit ihrer rauen brüchigen Stimme vor sich hin, "Sieh dich nur an, du bist ja überall ganz blutig! Aber mach dir keine Sorgen. Mama Mae hat es hier ganz mollig warm und gemütlich. Jetzt schlaf dich erst mal gesund, was mein Kleiner? Und morgen verrätst du mir deinen Namen."
Sie begann in einer einfachen, selbst ausgedachten Melodie leise vor sich hinzuraunen:

"Gute Naaacht, mein Kleines, gute Naaacht
die alte Mae gibt gut auf dich Aaaacht
fasse Mut, mein Kleines, fasse Muuut
die alte Mae macht dich wieder guuut"

Mae strich sachte über das verfilzte, zum Teil blutige Fell und lächelte und nickte zufrieden, als die Kraft in ihren Fingerspitzen zu kribbeln begann.
20.01.2013 20:17
Wunderschön!

... und so inspirierend...
21.01.2013 14:36
Arschcooler Charakter. Gib uns mehr von Mae! Und danke für Fizzler retten!
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