Jibril al-Faqadi
03.11.2011
Momper
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Sie war zu ihm gekommen, hatte ihn um die Behandlung gebeten. Und das, obwohl ihr letztes Zusammentreffen im Streit geendet war. Was für eine seltsame Frau. Er hatte mit ihr einen Ticaret Hizmet - einen Handel des Dienstes abgeschlossen, wie man es für gewöhnlich mit jenen tat, die sich eine Behandlung nicht leisten konnten, aber dennoch wirklich dringend Hilfe benötigten. Kein Hekim durfte einen wirklich Hilfebedürftigen ablehnen. Also hatte er sie zu sich bestellt.

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6 Jahre zuvor...
Tekir Masud ibn Yasar al-Faqadi zog genüsslich an der Pfeife und blies eine dichte Rauchwolke aus. Der schwere Geruch von Apfeltabak erfüllte den Festsaal.
Der Tekir hatte sich auf einem Prachtkissen zurückgelehnt und seinen Gästen ebenfalls welche angeboten. Um die kleine Gruppe herum bewegten sich die wogenden Hüften der Fahişen. Der Tekir hatte keine Kosten gescheut, um seinen hohen Besuch angemessen zu unterhalten. Dies versprach, ein genussvoller Abend zu werden.
Der große Padischah selbst hatte seine Hasseki in alle Winkel des Landes gesandt, um zu verkünden, was beschlossen worden war.
Haradwaith würde in den Krieg ziehen. Es wurde Zeit, die Truppen aufzustellen.
Jibril war ebenfalls zu dem Fest geladen. Aber während sein Vater und die Gäste die Politik besprachen, war es an ihm, bei klarem Verstand zu bleiben, um für die Sicherheit der Anwesenden zu sorgen. Zuviel Feigenschnaps konnte selbst den wackersten Mann bezwingen. Schon oft hatte Jibril zu solchen Anlässen hohe Würdenträger davor bewahrt, an ihrem eigenen Erbrochenen zu ersticken, während alle anderen nicht mehr dazu in der Lage waren.
Also hielt er sich im Hintergrund und betrachtete das Fest.
Keine Fahişe für ihn.
Kein Schnaps für ihn.
Keine Pfeife.
Er musste bereit und befähigt sein, sofort einzugreifen. Das war er seinem Titel schuldig. Kein Hekim durfte einen Hilfebedürftigen ablehnen.
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Zunächst hatte er die Schwellung in ihrem Gesicht begutachtet. Kein Bruch. Nur eine kleine Platzwunde. Ein einzelner, zielsicherer Schlag.
Er konnte nicht mehr tun, als die Wunde zu säubern und ihr den Rat zu geben, die Schwellung zu kühlen.
Die eigentliche Arbeit begann erst dann.
Jibril konnte Knochen richten, Wunden verschwinden lassen und Krankheiten heilen, aber mit der Behandlung eines gequälten Geistes kannte er sich nicht aus.
Also besann er sich auf einen alten Trick.
Drei Bilder. Viele Worte.

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5 Jahre zuvor...
Ihre Hand glitt langsam über seinen nackten Rücken nach oben, während sie das Öl darauf verteilte. Da ihre Augen mit dem Kumaş verdeckt waren, musste sie ihre Fingerspitzen benutzen, um seinen Körper zu ertasten. Als sie sich seinem Gesicht näherte, hielt seine Hand sie davon ab, es zu berühren.
Sie wusste, welcher Stimmung er war. Aber sie durfte es keinesfalls sehen. Nicht einmal mit den Fingern.
Er spürte ihr Haar, das kitzelnd seinen Nacken hinaufwanderte, und schließlich spürte er ihren Atem neben seinem Ohr.
"Male mir drei Bilder, Jibril.", flüsterte sie sanft.
"Eines, das Dich jetzt zeigt. Eines, das alles aufzeigt, was Dich jetzt beeinflusst, sei es gut oder schlecht. Und dann stell Dir vor, Du könntest Deinen Körper verlassen und Dich von außen sehen. Das dritte Bild soll zeigen, was Du dann am liebsten sehen würdest."
Als ihre Worte schließlich gesprochen waren, spürte er, wie ihre Lippen sanft an seinem Hals herabfuhren.
Und er malte ihr die drei Bilder mit vielen Worten. Erklärte. Und verstand. Und schließlich schenkte er ihr ein Lächeln, das sie nicht sah.

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Er hatte ihre Erleichterung gesehen, die aus Einsicht entstand. Damit war er durchaus zufrieden. Sie hatte sich umgedreht, blickte nun nach vorn und nicht mehr zurück.
Zugegeben, er hatte ein wenig befürchtet, bei dieser für ihn ungewöhnlichen Behandlung zu versagen. Aber sie und er hatten diese Sache gemeinsam überstanden, und er hatte das Gefühl, daß es gut war.
Nun standen sie sich gegenüber und verabschiedeten sich.
"Jeder von uns ist befähigt zu töten, Winter Bayan.", sagte Jibril mit auf dem Rücken verschränkten Armen.
Jetzt war es an ihr zu schweigen. Alles war gesagt, Plane waren gemacht, Ratschläge erteilt.
Ob sie die Kraft hatte, umzusetzen, was sie sich vorgenommen hatte, würde die Zukunft zeigen.
Er glaubte daran.

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3 Jahre zuvor...
Das Stöhnen der Verwundeten war ein konstanter Unterton.
Jibrils Unterarme waren bis zu den Ellbogen mit Blut bedeckt, als er schließlich die Werkzeuge weglegte. Er hatte geschnitten, ausgebrannt, geschabt, gesäubert, eingerenkt, geschient und genäht.
Erst als er sich niedersetzte und sich zu säubern begann, bemerkte er, daß jemand in das Zelt gekommen war.
Tekir Masud ibn Yasar al-Faqadi, gekleidet in seiner Rüstung, stand im Eingang und betrachtete Jibril.
"Ruh Dich aus.", sagte er.
"Das kann ich nicht, Herr. Es gibt noch...", setzte Jibril zu einer Antwort an.
"Du wirst tun, was ich Dir sage.", unterbrach ihn der Tekir,
"Aber ich kann sie nicht sterben lassen! Das widerspricht..."
"Du kannst nicht jeden von ihnen retten.", unterbrach ihn der Alte wieder.
"Wie soll ich entscheiden, wer leben darf und wer sterben soll? Vater, ich bin kein Mörder!"
"Jeder von uns ist befähigt zu töten, Hekim. Denke nicht, Du wärst eine Ausnahme."
Damit verlies der Tekir das Heilerzelt. Draußen war es bereits Nacht. Fackeln beleuchteten das Heerlager, und die rauen Stimmen der Savaşçı, die unverletzt geblieben waren, drangen für einen Augenblick an Jibrils Ohr.
Der Hekim blickte seinem Vater noch eine Weile nach, auch als die schwere Stoffbahn des Eingangs ihm längst die Sicht verdeckte.
Erst als einer der Verwundeten erwachte und stöhnte, begann er wieder mit seiner Arbeit.
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