Rowan Trevelyan
22.06.2014
Momper
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Nolan wusste nicht, wo er zuerst hinsehen sollte. Er war noch nie in Havena gewesen. Er war überhaupt noch nie in seinem Leben außerhalb von Hügeltrutz gewesen, wenn man von kleinen Ausritten nach Graufall und Kithforch absah. Er war jetzt fast acht und das war ein beträchtliches Alter. Und dennoch hatte er noch nie eine so große Stadt gesehen. Ihm kam es so vor, als würde ein ganz gewaltiges Hügeltrutz am Wasser erbaut worden sein, und drumherum hatte man viele kleine Graufalls und Kithforchs gepflanzt, die jetzt alle miteinander verwachsen waren.
Vater sagte, dass Trevelyans nicht mit der Kutsche fuhren. Deshalb ritten sie in einem Zug aus vielen Pferden durch die Gassen der Stadt. Überall schauten Menschen ihn an. Das war Nolan unangenehm. Zu Hause schaute ihn keiner an.
Die ganze Stadt war geschmückt wegen der Hochzeit des Königs.
Nolan konnte sich noch an Ciarans Hochzeit erinnern. Die war nicht so bunt. Ob wohl Aellins Hochzeit in ein paar Monaten auch so groß gefeiert werden würde wie die des Königs? Bestimmt nicht. Und das, obwohl doch Aellin mit dem König verwandt war.
Nolan freute sich darauf, Rowan wiederzusehen. Er hatte gehört, dass Rowan nach der Hochzeit des Königs wieder mit nach Hause kommen würde. Dann würde es bestimmt jeden Tag so sein, wie wenn Rowan sie sonst besuchen kam. Dann brachte er Geschichten und Geschenke mit. Wenn er wieder richtig bei ihnen leben würde, dann gäbe es vielleicht jeden Tag Geschenke.
"Trödel nicht rum, Kobold!", hörte er die die Stimme seiner Schwester, die ihn aus den Gedanken riss. Sie griff nach den Zügeln seines Pferdes und führte es. Das war gut so. Nolan konzentrierte sich nicht aufs Reiten und wäre sonst vermutlich einfach stehen geblieben.

Die ganze Vermählung über hatte Nolan mit der Müdigkeit zu kämpfen. Er hatte mitbekommen, dass der König und die neue Königin lange vor den Geweihten standen und viele Dinge sagten und Lieder sangen. Die Königin war sehr schön, fand Nolan. Ihr Gesicht weckte eine Erinnerung in ihm, auch wenn er die Erinnerung einfach nicht zu fassen bekam. Nolan wunderte sich ein bisschen darüber, dass ein so alter Mann eine so junge Frau heiratete. Aber das schien niemandem außer ihm aufzufallen und war vermutlich wieder eines von diesen Dingen, die er noch nicht verstand. Rowan saß nicht mit bei ihnen. Er hatte einen Platz neben einem Ser und dessen Frau, die sehr traurig aussah, wie Nolan fand. Und auch Rowan blickte die ganze Zeit zu Boden und bemerkte es nicht mal, als Nolan ihm zuwinkte. Überhaupt schien keiner besonders froh zu sein. Alle waren sehr ernst und still. Also war Nolan das auch.
Später beim Hochzeitsmahl kam Rowan auch nicht zu ihnen. Er wechselte ab und an ein paar Worte mit dem Ser und schien nervös. Aber immerhin bemerkte er diesmal Nolans Winken und lächelte zurück. Da war sich Nolan zumindest sicher, dass nicht er der Grund für Rowans ernstes Gesicht war.
Der Ser, bei dem Rowan saß, kam auch irgendwann zu Vater und sprach leise mit ihm. Und dann redete er sogar mit dem König. Schließlich stand der König auf. Die Gespräche im Saal verstummten.
"Ser Renard aus dem Hause Haldwen, tretet vor mich!", hallte seine Stimme an den Wänden wider.
Der Ser, bei dem Rowan gesessen hatte, folgte der Aufforderung. Als er vor dem König und der Königin stand, ging er auf ein Knie. Der König sprach weiter.
"Wie der Brauch und die Sitte es gebieten, will ich am heutigen Freudentage nicht nur mein Glück und das meiner Königin feiern. Ich will meine Freude teilen und offen den Wünschen meiner Untertanen lauschen. Ihr habt ein Anliegen, das Ihr mir vortragen wollt, Ser?"
"So ist es.", antwortete der Ser, ohne aufzustehen.
"Erhebt Euch und tragt es vor.", befahl der König.
Der Ser erhob sich. "Tritt hervor, Rowan aus dem Hause Trevelyan.", rief er, ohne den Blick vom König zu lassen. Nolan sah mit angehaltenem Atem zu, wie Rowan angemessen langsam nach vorn trat und neben dem Ser stehen blieb.
"Dies ist mein Knappe. Er hat mir fünf Jahre lang gut gedient. Heute will ich ihm den Ritterschlag geben und bitte Euch, Majestät, den Schlag zu bezeugen."
Der König nickte und nahm wieder Platz. "Fahrt fort."
"Knie nieder!", befahl der Ser. Rowan tat es. Und dann zog der Ser sein Schwert, als wollte er Rowan köpfen. Nolan holte keuchend Luft und schaute zu Mutter. Sie legte beruhigend eine Hand auf seinen Kopf.
"Sei ohne Furcht im Angesicht deiner Feinde.", sprach der Ser feierlich, "Sei tapfer und aufrecht, auf dass die Götter dich lieben mögen. Sprich stets die Wahrheit, auch wenn dies den eigenen Tod bedeutet." Rowan presste die Lippen zusammen. "Beschütze die Wehrlosen und tue kein Unrecht.", fuhr der Ser fort. "Dies ist dein Eid! Schwöre!"
"Ich schwöre.", antwortete Rowan leise. Zufrieden nickte der Ser. Und dann schlug er ihm mit der rechten Hand ins Gesicht. Rowan schaute überrascht hoch. Einige im Saal lachten laut auf.
"Das ist dafür, dass du ihn nicht vergisst." Dann legte der Ser sein Schwert zuerst auf die rechte und dann auf die linke Schulter.
"Vor Zeugen knietest du nieder als Junge. Vor Zeugen erhebst du dich als Mann. Steht auf, Ser Rowan aus dem Hause Trevelyan." Rowan erhob sich, und mit einem Mal hallten Fanfarenklänge durch die Halle. Männer und Frauen standen auf und applaudierten. Der Ser schloss Rowan in die Arme. Nolan hüpfte auf und ab. Ciaran und Aellin stießen Freudensrufe aus. Und selbst Vater nickte zufrieden.

"Aufwachen, Kobold!"
Nolan öffnete die Augen und blickte in das Gesicht von Rowan, der an seinem Bett saß und ihn sanft rüttelte. Er konnte sich nicht daran erinnern, wie er ins Schlafgemach gekommen war. Er wusste nur, dass Ciaran ihn ab und an am Wein hatte nippen lassen. Dann hatten alle getanzt. Er hatte mit Aellin getanzt, die nicht besonders begeistert darüber war. Dann hatte er mit Mutter getanzt und Mutter hatte viel gelacht. Viele Leute hatten gelacht wegen ihm. Irgendwann musste er eingeschlafen sein. Und irgendwer musste ihn ins Bett getragen haben, denn er konnte sich nicht daran erinnern, die Stufen erklommen zu haben.
Er setzte sich auf und rieb sich die Augen. Da fiel ihm ein, dass er mit Rowan den ganzen Abend über kein einziges Wort gewechselt hatte. Dass er Rowan überhaupt eine ganze Weile nicht mehr gesehen hatte. Nolan fiel seinem Bruder in die Arme.
"Zieh dir was an und lass uns frühstücken gehen, ehe nichts mehr da ist. Der alte Lord Kincaid isst für mindstens drei, habe ich mir sagen lassen. Und er hat seine ganze Sippe dabei.", sagte Rowan.
"Reiten wir dann nach Hause?"
Rowan schwieg einen Augenblick und nickte dann.
"Kommst du mit uns?"
Rowan schüttelte den Kopf.
"Was? Aber Mutter sagte..."
"Die Dinge haben sich geändert.", erklang da die Stimme von Vater aus dem Türrahmen. Er hatte die Hände auf dem Rücken und kam langsamen Schrittes ins Zimmer. Die Holzdielen knarrten leise unter seinen Schritten. "Sie ändern sich schnell zur Zeit. Dein Bruder wird in Havena bleiben, Nolan. Seine Majestät hat ihm eine Stelle in seiner Königsgarde angeboten. Dein Bruder hat Freunde am Hof, scheint es."
Wieder war Nolan sich sicher, dass er etwas Entscheidendes nicht verstanden hatte, denn fast schien es ihm, als würde er Ärger in Vaters Augen aufblitzen sehen, wo doch eigentlich Stolz hätte sein müssen.
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