Haylee
16.05.2014
Änn
Kommentare: 1
„Revisit a life we both left behind
We don't know the harm“

[The XX - Reunion]


13. Oktober 2007: Lancaster, Groß Britannien
Gilford Thomson Cavendish gehörte zu jenen Abkömmlingen des britischen Adels, deren Ahnenreihe lang genug war, dass man ihm jede Art von Spleenigkeit verzieh. Seine Bekannten und Freunde hatten sich daran gewöhnt, dass er von einem auf den anderen Tag aus dem Land verschwinden konnte, ohne irgend jemanden über seinen Verbleib zu informieren. Tage später tauchte er völlig unverhofft wieder auf und erzählte jedem von seiner neusten Leidenschaft und präsentierte stolz seine Mitbringsel. Einmal war er spontan zum Perlentauchen Richtung Indischen Ozean geflogen. Ein anderes Mal war die Reise nach Singapur gegangen, um ein Paar handgefertigte Designerschuhe zu erstehen. Besonders beliebt war in seinem Freundeskreis die Geschichte, wie Gilford sich von seinem Chauffeur bis nach Madrid hatte fahren lassen, weil er plötzlich Lust auf ein ganz bestimmtes Gebäck bekommen hatte. Doch vor allem seine Vorliebe für extravagante und extrem teure Anzüge boten ihm immer wieder Anlässe für eine Reise rund um den Globus.
Dabei schien Gilford Reisen nicht mal besonders angenehm zu finden, oder viel mehr die Vorstellung auf alle Bequemlichkeiten und Routinen seiner Heimat verzichten zu müssen.
Sobald er wieder zu Hause war, begann er in einem fort Lobreden auf die Errungenschaften der Zivilisation zu schwingen: die feste Teestunde, die britische Küche und die täglichen, intensiven Studien der Tageszeitung. Denn in den vier Wänden seines Domizils lebte der Adelsspross einen nahezu diktatorisch festgelegten Tagesablaufs, von dem er nur höchst ungern abwich. Alle diese Eigenschaften sorgten dafür, dass der jüngste Cavendish als exzentrisch doch im höchsten Maß liebenswert galt. Wäre jemand angekommen und hätte behauptet, dass Gilfords Landsitz seit Jahren das Zentrum einer Verschwörung war, hätte man ihm vermutlich zu dem köstlichen Witz gratuliert oder nur mitleidig den Kopf geschüttelt.

Der Schein trügte natürlich.
All die festen Punkte seines über Jahre hinweg kultivierten Tagesablaufs konnten nicht darüber hinwegtäuschen. Vor zwanzig Jahren hatte Gilford ins Angesicht der Wahrheit geblickt und das hatte ihn für immer verändert. Während er seinen Schnurrbart millimetergenau stutzte, dachte er an Coleen. Dann wusch er sich mit meditativer Ruhe die Reste der Rasiercreme ab. Als nächstes stand die Wahl der Garderobe an. Gerade als er bereit für das Frühstück war, klingelte es an der Tür.
Es war ein unerwartetes Leuten, dass den perfekten Ablauf ins Schwanken brachte. Es dauerte einen Moment. Vermutlich versuchte sein Butler den störenden Gast an der Tür abzuwimmeln und auf später zu vertrösten. Schließlich betrat er mit schuldbewusster Miene das Esszimmer. „Entschuldigen sie, Sir. Eine Miss St. James steht draußen für Sie. Sie meint, Sie würden sie erwarten.“ Gilford war überrascht. Doch nur für einen kurzen Augenblick. Er lächelte. „Das ist korrekt. Bitte bringen Sie sie herein und lassen noch ein zweites Service auftragen. Und lassen sie Miss Erhard umgehend den Tee servieren.“



7. Oktober 2007: Rom, Italien
Sie hatten sich in einem kleinen Café am Campo de' Fiori verabredet. Liam Bonnet war wie immer viel zu früh da.Diese Eigenschaft hatte bei seinen italienischen Kollegen zu reichlich Kopfschütteln geführt. Liam betrachtete das Treiben auf dem Platz. Es war Sonntag, der einzige Tag der Woche, wo nicht alles voll von Marktständen übersäht war. Und trotzdem herrschte lebhaftes Treiben in den Bars und Cafés rundherum. Die warme Oktobersonne schien und zeichnete lebhafte Schattenbilder aufs Pflaster. Mehrere Kinder spielten an einer Straßenecke und gegenüber saßen die alten Männer mit ihrer Zeitung. In einer Woche wäre sein Auftrag hier abgeschlossen und er würde wieder zurück ins regnerische England fahren. Er seufzte wehmütig. Plötzlich setzte sich eine blonde Frau neben ihn an den Tisch. „Äh, Signora...?“, begann er, um sie wieder zu vertreiben. Da schob sie ihre Sonnenbrille hoch. Kurz sah er in ihre grünen Augen. „Haylee?“ Sie nickte belustigt. „Hast du mich etwa nicht wiedererkannt?“ Er starrt sie immer noch völlig verdattert an. „Naja, die Haare machen schon was aus... und überhaupt...hast du schon mal über eine Karriere als verdeckte Ermittlerin nachgedacht?“ Sie lächelt. „Nun ja, ich habe dir immerhin ein paar interessante Informationen mitgebracht. Aber zuerst sollten wie einen Café bestellen, findest du nicht?“
19.05.2014 06:48
Sehr schöne Charakter-Einführungen. Jetzt will ich aber auch wissen, worüber die sich unterhalten.
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