Andrew Townsend
26.05.2013
Sonnata
Kommentare: 2
Andrew Townsend betrat das geräumige, gemütlich eingerichtete Büro. Doktor Monroe wartete schon hinter seinem schweren Schreibtisch auf ihn und erhob sich jetzt, um ihm entgegen zu gehen. Er reichte Andrew die Hand.
"Guten Tag, Doktor Townsend. Wie geht es ihnen, haben sie gut hergefunden?"
Andrew erwiderte das Lächeln des anderen und schüttelte seine Hand.
"Guten Tag, Doktor Monroe. Danke, ja, alles bestens."
"Setzen sie sich doch."
"Danke."
Doktor Monroe setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch und deutete auf ein Tablett mit Gläsern, Tassen, einer Karaffe mit Wasser und einer Thermoskanne.
"Kann ich ihnen etwas zu trinken anbieten? Wasser? Kaffee?"
"Danke, ich nehme ein Glas Wasser."
Doktor Monroe schenkte ein Glas voll Wasser und stellte es vor seinem Besucher ab.
"Also, Doktor Townsend, wir haben ja schon telefoniert, aber bitte erzählen sie es mir noch einmal: was genau führt sie zu mir?"
"Es geht um einen Schützling von ihnen: Doktor Ashley Marshall. Ich weiß natürlich, daß sie mir keine Details über sie verraten können, und danach möchte ich auch gar nicht fragen.
Ich brauche lediglich eine kurze Einschätzung von ihnen über einen bevorstehenden Einsatz."
"Um was für einen Einsatz handelt es sich? Warum denken sie, daß ich ihnen dabei helfen kann?"
"Nun, ich darf ihnen natürlich auch keine Details offenbaren, die mit dem Fall zu tun haben, den wir gerade bearbeiten, aber es könnte passieren, daß Agent Marshall dabei mit Situationen, oder vielleicht sogar mit Personen in Kontakt kommt, die sie an die Vorfälle erinnern, die zu ihrer Amnesie geführt haben. Wenn Agent Marshall ein traumatisches Erlebnis verdrängt, dann wäre es doch vielleicht ein Risiko, sie daran teilnehmen zu lassen. Da ich im Moment ihr Teamleiter bin, möchte ich von ihnen wissen, ob ich sie beurlauben sollte."
Doktor Monroe faltete die Hände vor dem Bauch und neigte den Kopf zur Seite.
"Das ist ziemlich vage, Doktor Townsend. Ich verstehe natürlich, daß sie zur Geheimhaltung verpflichtet sind, aber sie werden doch verstehen, daß ich auf der Grundlage dieser Informationen keine verbindliche Aussage machen kann. Außerdem ist ja die menschliche Psyche kein Computer, der sich präzise berechnen läßt."
Doktor Monroe deutete ein entschuldigendes, aber freudloses Lächeln an.
Andrew seufzte. "Da haben sie natürlich Recht. Ich möchte nur vermeiden, daß der bisherige Therapieerfolg gefährdet wird. Und ich möchte vermeiden, daß Agent Marshall eine Gefahr für sich und andere und letzten Endes für die Mission darstellt."
Doktor Monroe nickte vor sich hin.
"Wie schätzen sie denn die Lage ein, Doktor Townsend? Immerhin sehen sie sie fast jeden Tag."
Andrew blinzelte und hob nachdenklich den Kopf.
"Das... ist schwer zu sagen. Doktor Marshall macht auf mich einen eher beherrschten Eindruck. Kurz nach den Vorfällen schien sie ein wenig gereizt zu sein. Inzwischen scheint sich das aber gelegt zu haben. Ich kann kaum einen Unterschied feststellen im Vergleich zu vorher, aber es ist nicht so, daß wir sonderlich viel privaten Umgang mit einander hätten."
Doktor Monroe, der angefangen hatte, in einer Schublade zu kramen, schaute auf.
"Hätten sie das denn gern?"
Andrew blinzelte überrascht.
"Ähm... Augenblick, ich wollte nicht so klingen, als ob... also... Ich bin dagegen, mit Personen, mit denen ich arbeite, eine Liebesbeziehung einzugehen, wenn sie das meinen. Aber... ich habe Ashley natürlich schon gern - auf kollegiale Art."
Andrew runzelte für einen Moment die Stirn und schaute Doktor Monroe dann fragend an. Dieser legte etwas flaches weißes auf den Schreibtisch, schloß die Schublade und betrachtete Andrew aufmerksam.
"Interessant. Sie haben gerade zum ersten Mal ihren Vornamen benutzt."
Andrew blinzelte nachdenklich und setzte sich auf seinem Stuhl zurecht.
"Wirklich? Ich habe nicht darauf geachtet."
Doktor Monroe lächelte.
"Ich weiß."
Andrew griff nach dem Wasserglas und trank einen Schluck.
Doktor Monroe nahm die dünnen weißen Pappschilder auf, die er vorhin aus der Schublade genommen hatte und fuhr fort: "Die Wortwahl ist immer interessant. Sehen sie, als sie gerade über ihre Ansichten zu Liebesbeziehungen bei der Arbeit gesprochen haben, da haben sie sich sehr umständlich ausgedrückt. Sie sprachen von >>Personen, mit denen ich arbeite<<, anstatt einfach >>Kolleginnen<< zu sagen."
Andrew schaute Doktor Monroe einen Moment lang schweigend an.
"Ja... schon möglich. Aber muß man denn wirklich jedes Wort auf die Goldwaage legen?"
"Ich versuche nur, mir ein Bild von ihnen zu machen. Können sie mir sagen, was das hier darstellen könnte?"
Doktor Monroe stellte eine der weißen, DIN A4 großen Pappen aufrecht auf seinen Schreibtisch und hielt sie so, daß Andrew sich bequem die Vorderseite ansehen konnte.
"Das ist ein Rorschach-Test. So sagt man doch, richtig?"
"Ja, das ist richtig, aber was sehen sie?"
Andrew blinzelte stellte das Glas Wasser wieder auf dem Tisch ab. Er zupfte sein Jackett zurecht und schaute sich das Bild genauer an, wobei er den Kopf leicht schief legte.
"Ich würde sagen, das könnte eine Röntgenaufnahme sein. Das hier sind Beckenknochen von oben gesehen... und hier... naja, das ist perspektivisch falsch, aber das hier könnten die Rippen sein. Ziemlich verschwommen." Andrew lächelte entschuldigend.
Doktor Monroe lächelte wieder das kurze, neutrale Lächeln vom Anfang und legte das Schild weg. Er nahm das nächste auf.
"Und das hier?"
Andrew schaute mit einem kurzen Stirnrunzeln zu ihm herüber.
"Doktor, warum fragen sie mich das? Ich kam hierher, um Antworten von ihnen zu bekommen. Ich habe den Eindruck, daß sie mehr Fragen stellen als ich."
"Wie gesagt, Doktor Townsend, ich versuche, mir ein Bild von ihnen zu machen. Sie sind, wie sie sagten, Miss Marshalls Teamleiter. Sie müssen also im Ernstfall Entscheidungen treffen, die Miss Marshall betreffen, und zwar ohne mich vorher zu konsultieren. Ich weiß, daß sie wissen, daß ich ihnen keine Details aus unseren Sitzungen mitteilen kann, aber vielleicht kann ich ihnen raten, sich auf ihr Gefühl zu verlassen."
Er ließ erneut ein neutrales Lächeln aufblitzen.
"Also, Doktor Townsend, was sehen sie hier?"
Andrew nickte langsam, alles andere als begeistert, und widmete sich seufzend dem nächsten Bild.
"Das sieht aus, wie jemand, der sich selbst im Spiegel betrachtet. Er scheint sich ein wenig nach vorn zu beugen. Hier in der Mitte würde der Spiegel verlaufen. Und das... er stützt sich wohl auf einem Tisch ab, um dem Spiegel näher zu kommen und genauer zu sehen. Der Fleck hier oben ist vielleicht eine Lampe. Oder eine Hand, mit der er sich am Spiegel abstützt... so als wolle er in den Spiegel hineinklettern."
Andrew blinzelte und schaute dann zu Doktor Monroe herüber, der wie immer sein neutrales Lächeln zeigte. Nächstes Bild.
Andrew antwortete sofort.
"Die computertomographische Aufnahme eines Gehirns. Von oben gesehen. Allerdings ist es schon ziemlich... degeneriert. Zu viele Löcher."
Doktor Monroes Lächeln schien für einen Moment etwas ehrlicher, ehe er wieder zu seiner professionellen Fassade zurückfand. Er zeigte Andrew das nächste Bild.
"Ein Schmetterling vielleicht? Nein, warten sie... das paßt doch nicht..."
Andrew schaute das Bild eine Weile an und sein Tonfall klang nicht mehr ganz so gelangweilt, wie vorher: "Eine Maske. Ja, eine Maske. Sie ist mit Federn besetzt, daher die gezackten Umrisse hier und hier. Und das dort sind Aussparungen für die Augen. Und hier... nun vielleicht sind das Perlen, oder irgendwelche anderen Verzierungen auf der Stirn."
Doktor Monroe ließ das Bild langsam sinken, ohne Andrew aus den Augen zu lassen und hob das nächste. Andrew presste unwillig die Lippen aufeinander, als der Therapeut noch immer kein Ende fand, und atmete tief durch.
Er schaute das Bild eine ganze Weile an, ehe er antwortete.
"Das sind zwei Tänzerinnen, die sich berühren. Sie stehen dem Betrachter zugewandt, haben aber die Köpfe ein Stück zurückgeneigt und die Arme hier an der Innenseite aneinandergelegt und hochgestreckt. Das ist die schmale Spitze, die hier in der Mitte aufragt. Die äußeren Arme werden nach außen gestreckt, wie eine Schlußpose im Ballett,  vielleicht. Und die inneren Beine stehen gerade, während die äußeren angewinkelt wie eine Raute nach außen zeigen, wobei sie hier den Fuß an die Wade ihres inneren Beines legen. Das hier ist vielleicht ein Rockzipfel."
Auch dieses Bild ließ Doktor Monroe kommentarlos wieder sinken und hob das nächste.
Andrew hob abwehrend eine Hand und schüttelte den Kopf.
"Halt. Doktor Monroe... ich komme mir vor, als wäre ich auf einmal in eine Therapiesitzung hineingeraten. Ich bin nicht hierhergekommen, damit wir über mich reden. Es geht immernoch um Ashley Marshall."
Doktor Monroe legte das Bild flach auf den Tisch.
"Ich weiß, Doktor Townsend. Aber die Wahrheit ist, daß ich ihnen keine verbindliche Antwort geben kann, da wir beide gar nicht wissen können, wie ihre Mission verlaufen wird. Niemand weiß, was dort draußen auf sie wartet, oder was es sein könnte, das Miss Marshall eventuell an irgendetwas erinnert, das sich in der Vergangenheit zugetragen hat. Es könnte die kleinste alltägliche Kleinigkeit sein, die plötzlich eine Erinnerung auslöst, während eine Situation, die vielleicht in ihren Augen, Doktor Townsend, an das verdrängte Erlebnis erinnert, keine Folgen haben mag."
Andrew kratzte sich an der Schläfe. "Ich verstehe."
"Doktor Townsend, sie haben sie in den letzten Tagen selbst im Dienst erlebt. Was glauben sie, wie stabil Ashley Marshall momentan ist?"
"Nunja... sie scheint mir ganz in Ordnung zu sein. Sie hat bei einem Verhandlungsgespräch Humor und Geschick bewiesen. Ich denke, sie war ganz bei der Sache, sehr konzentriert. Haben sie Einwände, wenn ich sie nicht beurlaube, sondern mitnehme in diesen Einsatz?"
Doktor Monroe musterte Andrew einen Moment lang abschätzend, dann lächelte er und schüttelte den Kopf.
"Nein, Doktor Townsend. Ich habe keine Einwände."
Andrew nickte.
"Gut."
"Doktor Townsend?"
"Ja?"
"Haben sie eigentlich ein Hobby?"
Andrew lächelte überrascht.
"Sicher. Einige. Warum?"
Doktor Monroe lächelte.
"Ach... ich dachte nur. Sie sind äußerst kreativ. Es wäre schade, wenn das verkümmern würde. Jeder braucht doch einen Ausgleich zur Arbeit, nicht wahr?"
Andrew lächelte schief.
"Vielen Dank, Doktor." Er erhob sich. "Danke außerdem für ihre Zeit und die Einschätzung. Ich muß jetzt gehen. Auf Wiedersehen."
Andrew reichte dem anderen über den Schreibtisch hinweg die Hand.
"Auf Wiedersehen, Doktor Townsend."
Andrew verließ das Büro und wußte nicht so genau, warum er froh war, als sich die Tür hinter ihm schloß.
26.05.2013 20:30
Die Essenz von Townsend. Vielleicht begegnet er irgendwann ja mal einenm normalen Menschen.

't is imma dit jleische mit die Psüschologn.
Ashley (Gast)
27.05.2013 12:13
Herrlich...der arme Andrew könnte einem faaast leid tun ;D
Allerdings muss ich als Psychologin sagen, die Bildauswertungen sprechen eine deutliche Sprache! ;)
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