Bruyne Wildwanderer
03.11.2011
Momper
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"Darf ich?"
Er wartet die Antwort nicht ab, sondern setzt sich gleich neben sie. Sie schaut aus leeren Augen auf das Wasser und reagiert nicht.
Sie ist blass und kraftlos. Er lässt einen Augenblick vergehen und holt dann die beiden Tonkrüge und die verkorkte Flasche mit dem breiten Hals hervor und gießt ein.
Sie wendet den Kopf zu ihm.
"Was ist das?", fragt sie matt.
"Süße Milch mit frisch hinein geschnittenen Erdbeeren.", antwortet er.
Sie schaut ihn entgeistert an.
"Ich habe keinen Durst.", sagt sie dann.
"Das ist auch nicht gegen den Durst."
"Wofür ist es dann?"
"Für die Seele."
Sie verstummt, und Tränen wandern an ihrer Wange hinunter.
"Ich habe keine Seele mehr.", hört er sie schließlich sagen.
Er nickt und antwortet:
"Ja, so fühlt es sich an."
Sie schüttelt den Kopf (und er hofft, daß sie vielleicht endlich zornig wird):
"Was weißt Du schon davon?"
"Auch ich habe einmal mein totes Kind zu Grabe getragen."
"Aber Du hast wenigstens alles getan, um es zu schützen."
"Nein, das habe ich nicht. Aber ich will nicht von mir sprechen. Nicht schon wieder."
Eine Weile sagen sie nichts, bis sie den Kopf hebt.
"Ich habe nichts zu sagen."
"Dann sag nichts.", entgegnet er, "Aber Du könntest einen Schluck süße Milch trinken."
Sie trinkt, und das ist mehr, als er sich erhofft hätte.
Er starrt auf seinen Becher und scheint mit sich selbst zu reden:
"Frische Erdbeeren aus gutem auenländer Anbau. Es gibt nichts besseres. Alles in allem sind diese Erdbeeren - wenn ich das so sagen darf - doch recht bemerkenswert."
Sie blickt ihn wieder entgeistert an.
"Wovon redest Du da?"
"Von den Erdbeeren. Schmecken sie Dir?"
Sie wendet den Blick wieder ab.
Nach einer Weile ist es sie, die das Schweigen unterbricht:
"Ich wünschte, ich wäre mit ihr gegangen."
Jetzt ist sie also soweit.
"Hat sie einen Namen?", fragt er.
"Nein. Helendion meinte, es wäre noch zu früh."
"Sie hat keinen Namen?"
"Ich wollte sie Melin nennen."
"Melin. Hübscher Name. Was bedeutet er?"
"Er bedeutet nichts mehr."
"Er bedeutet nichts? Wie soll sie sich denn vorstellen, wenn sie auf dem Schiff nach Westen segelt? Soll sie sagen: Ich bin Melin, aber das bedeutet nichts?"
"Geh bitte!"
Er erhebt sich.
"Sie wird für immer leben, wenn sie einen Namen und eine Bedeutung hat."
"Sag den anderen, sie sollen nicht kommen.", spricht sie weiter, als hätte er nichts gesagt, "Ich will allein sein."
Ehe er geht, stellt er ein kleines Bündel hinter sie.
Das letzte, was sie nun braucht, ist jemand, der mit ihr weint. Aber vielleicht helfen frische Erdbeeren. Aus gutem auenländer Anbau.
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