Fiona de Voine
30.09.2014
Sonnata
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Eilends glitt das große Schiff mit stolz geblähten Segeln über die glatte, tiefblaue See, die sich auf dieser Seite bis zum Horizont erstreckte und in der Sonne funkelte. Auf der Landseite waren allenthalben kleinere Ortschaften zu entdecken, die sich mit Feldern in braun oder grün abwechselten. Hin und wieder durchbrachen die weiß leuchtenden Flügel einer Windmühle das bekannte Muster.
Wenn Fiona ihren Blick hob und gegen das helle Licht hinauf in die Takelage blinzelte, konnte sie die festlichen grün-goldenen Wimpel und Fähnchen zählen, die überall befestigt waren und vielfach Schlangen, oder Sechsecke abbildeten. Das Holz und die Seile knarrten und quietschten leicht zu den wiegenden Bewegungen des Schiffes im Wind und die Sonne wärmte die Haut.
Eine kleine Gruppe junger Männer und Frauen, alle achtzehn Jahre alt, wie Fiona selbst, traten aus einer Tür auf das Deck hinaus. Sie blinzelten in der plötzlichen Helligkeit und einer von ihnen beschattete seine Augen mit einer Hand und drehte sich suchend aus dem Licht. Sein Blick blieb an Fiona hängen und er ließ die Hand sinken und schickte sich an, lächelnd auf sie zuzugehen.
Fiona straffte sich kaum merklich und auch sie lächelte ihm entgegen.
Schon nach dem ersten Schritt schien seine Entschlossenheit allerdings ins Wanken zu geraten, als sein Blick weiter wanderte und sich auf etwas neben Fiona richtete. Sein Lächeln erlosch und er suchte Zuflucht in einer angedeuteten hölzernen Verbeugung, drehte sich um und folgte den anderen zu einem sonnenbeschienenen Flecken auf dem Deck, wo sie sich niederließen, um zu würfeln.
Fiona senkte ernüchtert den Blick und drehte den Kopf, um auf das Meer hinaus zu sehen, als neben ihr eine bekannte Stimme erklang:
"Es ist derselbe junge Mann, Fiona."
Sie wandte den Kopf, um ihre Tante Benedikte anzusehen.
"Ja, Tante. Er studiert auch im Tempel in Havena."
Benediktes Stirn schien sich sanft zu kräuseln.
"So? Wie heißt er?" Ihr forschender Blick verriet nun ihre ungeteilte Aufmerksamkeit.
"Tiago."
Benedikte sagte nichts, sie musterte Fiona nur eine Weile und der Ausdruck auf ihrem Gesicht sagte Fiona mehr, als Worte es vermochten. Fiona senkte den Blick.
"Mach dir keine Sorgen, Tante." Sie holte noch einmal Luft, fand aber nicht die passenden Worte und so strich sie nur beruhigend über Benediktes Hand, die sich zwischen ihnen auf dem Holz abstützte.
"Fiona..." hörte sie sie sagen und schaute in Benediktes ersten Blick. "Du weißt doch, daß du vorsichtig sein mußt. Wie oft habe ich dir erklärt, wie gefährlich das ist. Nicht nur mußt du darauf acht geben, unbefleckt zu bleiben, aber sie werden erfahren, wer du bist. Und dann werden sie Männer schicken, die dich töten, oder schlimmeres. Du hast doch von den Sklavenmärkten gehört? Niemand, Fiona, niemand darf wissen, wer du bist! Glaub mir, du möchtest das nicht erleben, mein Kleines."
Fiona hatte beschämt den Blick gesenkt, genickt und "Ja, Tante." gemurmelt und nun war es Benedikte, die beruhigend Fionas Hand tätschelte.
"Mach dir keine Sorgen, mein Kind. Niemand weiß, wo du bist. Niemand weiß, daß du lebst. Du bist in Sicherheit - wenn du keine Fehler machst." Ihr Blick, der alles andere als beiläufig zu den jungen Leuten hinüberglitt, war Fiona auch jetzt, nach Jahren, noch gut im Gedächtnis.

Fehler. Möglicherweise war es ein Fehler gewesen, den Präfekten anzusprechen, aber immerhin hatte sie ein paar Informationen aus dem kurzen Wortwechsel gewonnen.
Erneut stand sie heute auf den glatt gescheuerten Planken an Deck eines Schiffes und  ihre Augen suchten auf dem Boden unwillkürlich nach Flecken - wie so oft in den letzten Tagen.
Und wieder einmal fand sie dort nichts weiter, als die natürliche, jedem Holz eigene Maserung. Es gab nichts mehr, das die Anwesenheit des Präfekten an Bord verraten hätte. Nichts, außer dem Anhänger, den er an einem Band um den Hals getragen hatte, und der im Moment in Fionas Hand zu glühen schien. Sie hatte ihn ihm heimlich abgenommen, noch ehe er wieder erwacht und an Bord gebracht worden war.
Eigentlich hatte sie ihn als eine Trophäe dem Kulko geben wollen. Als sie jedoch vor ihm stand, da hatte sie es doch nicht getan und nun verbarg sie das Schmuckstück des Präfekten in den Falten ihrer Kleidung.
Die brutale Art und Weise seines Todes verharrte geradezu penetrant lebhaft ihn ihrer Erinnerung, aber daß er tot war ließ sie seltsam kalt. Er hätte ihr ohnehin nichts genützt.
Ihr Blick wanderte weiter zu dem jungen Trevelyan, der gerade in Richtung Heck schlenderte. Er wußte nun, wer sie war. Was würde geschehen? Ausgerechnet ein Trevelyan hatte sie gefunden. Er hatte bei Praios geschworen, ihr ein Freund zu sein und sie nicht an seinen Vater zu verraten, aber konnte man dem Wort eines Trevelyan vertrauen?
Wie würde er sich entscheiden, wenn er erst vor seinem Vater stünde?
Leider hatte sie ihn bereits als einen Freund betrachtet, ehe sie erfuhr, daß er zu ihren Feinden gehörte. Und Tess? Nach allem, was Fiona wußte, hatte Tess früh gelernt, daß Geld sehr viel verläßlicher war, als andere Menschen. Und doch schien sie Nolan und Fiona immerhin so loyal zu sein, daß sie etwas für sie riskierte. Wenn also selbst Tess sich dazu entschlossen hatte, anderen wenigstens ein Stück weit zu vertrauen, konnte sie es dann auch?
Sie brauchte einen guten Rat. Sie mußte Benedikte sprechen. Benedikte hatte den Präfekten ebenfalls kontaktiert. Wann war das gewesen und wie hatte seine Antwort gelautet? Wenn sie nicht alles verderben wollte, dann sollte sie sich baldmöglichst mit Benedikte besprechen. Bis dahin gab es genug andere Geheimnisse, deren Enthüllung sie auf der Spur war. Sie würde vom Tempel aus einen Raben schicken, sobald sie in Havena angekommen waren. Benedikte wäre entsetzt, wenn sie erfuhr, daß Fiona einem Trevelyan bekannt war.
Sie schluckte und ihre Gedanken schweiften zurück zu ihrer Reise nach Kuslik.

Ein angedeutetes Lächeln milderte Benediktes Züge und sie griff nach Fionas Hand, um sie aufmunternd zu drücken. Noch einmal schaute sie zu der Gruppe junger Leute herüber, ehe sie den Blick wieder zum nahen Land schweifen ließ.
Gerade schlenderte die Vorsteherin an ihnen vorbei und neigte respektvoll den Kopf vor Benedikte. Fiona sollte sich geehrt fühlen, daß eine Würdenträgerin aus dem Tempel in Gareth sie zu ihrer feierlichen Weihung begleitete, aber...
Ihre Gedanken schweiften zurück zu Tiago. Unwiderstehlich zog er ihre Aufmerksamkeit und ihre Blicke auf sich. Ihre Hand hob sich an ihren Mund und ihre Fingerspitzen strichen sanft über ihre Lippen, die in Erinnerung an seine Küsse summten. Mit einem sanften Lächeln ließ sie die Hand wieder sinken und schaute verstohlen zu Benedikte herüber, die immernoch die wechselnde Küstenlinie auf der anderen Seite betrachtete, nun aber aufstand, um mit der Vorsteherin des Tempels von Havena zu sprechen. Fiona hätte sich bereits wieder desinteressiert abgewendet, als sie plötzlich die äußerst diskrete, aber eben doch nicht unsichtbare Geste Benediktes bemerkte, die ihre Gesprächspartnerin auf Tiago hinzuweisen schien.
Diese sagte daraufhin etwas und hörte Benedikte dann ernst und aufmerksam zu. Dann wandten beide Fiona den Rücken zu, ins Gespräch vertieft, und entfernten sich langsam.
Von jenem Moment an waren Tiago und Fiona niemals mehr allein mit einander gewesen, denn direkt nach der Weihe wurde Tiago mit den Kriegern auf eine Queste nach der anderen geschickt.
Manchmal dachte Fiona an ihn. Nur manchmal, aber so auch jetzt, als sie auf dem Deck eines anderen Segelschiffes stand und nachdenklich eine Münze zwischen den Fingern drehte, die an einem ledernen Band um ihren Hals hing, obwohl sie ihr nicht gehörte.
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