Mia Nowikow
30.05.2014
Änn
Kommentare: 1
Sie nimmt die Situation im Bad nicht im Ganzen auf. Es ist eine Folge von Nahaufnahmen. Ein Puzzle, das ihr Kopf zu einem Ganzen zusammensetzt. Für einen Augenblick bleibt sie wie angewurzelt stehen. Ihr Herz gefriert zu Eis.

Dann läuft sie die Treppe hinunter.
Ein Griff zum Telefon. Hastiges Wählen der Nummer. Ein kurzer Wortwechsel. Sie legt auf.
Im Wohnzimmer warten ihr Vater und Jurij. Sie versucht, sich nichts anmerken zu lassen. „Jurij, was hältst du davon, doch erst einmal zu Leni rüberzugehen?“ Ein Lächeln auf seinem Gesicht. Er holt seine Sachen.
Als er aus dem Zimmer ist, erzählt sie es ihrem Vater.
Die Bilder schwirren in ihrem Kopf. Das Gesicht ihrer Mutter.
Die Augen ihres Vaters weiten sich. Er stürmt nach oben.
Sie greift die Schlüssel. Schiebt Jurij zur Tür hinaus. Über die Straße. Gibt ihren Bruder bei Ms. Reynolds ab. Er stürmt mit Leni ins Haus. Sie flüstert das Dankeschön fast.
Im selben Moment hört man die Sirenen.

Nahaufnahme der Tabletten auf dem Boden.
In schnellen Schritten geht sie zurück zum Haus. Lässt die Sanitäter herein. Ruft ihre Großmutter an.
Das Bild des Messers. Eine Trage wird runter gebracht. Sie blickt zur Seite. Ihr Vater steigt mit in den Krankenwagen. Sie nimmt das Auto und fährt hinterher.

Erst jetzt merkt sie, dass ihre Hände zittern.

In der angespannten Stille des Wartezimmers strömen die Bilder schließlich vollends auf sie ein. Weiße Tabletten auf grünen Fliesen. Ihr Gesicht. Das rote Wasser. Das Messer. Ihr Gesicht. Die nebligen Schwaden an ihrem Arm. Der leuchtend rote Schnitt.
Ihr Gesicht. Ihre Augen.
Der leblose Körper.


Ihr Vater läuft nervös auf und ab. Doch sie bekommt überhaupt nichts davon mit. Sie bekommt weder das Eintreffen von Lilly mit, noch dass der Arzt schließlich herüber kommt. Sie verpasst völlig das Gespräch, dass er mit ihrem Vater führt. Ihr einziger Gedanke ist: Es ging ihr doch besser.
Ihr Vater tippt sie an und reist sie aus ihrer Gedankenwelt. „Sie wird durchkommen“, sagt er in seinem gebrochenen Englisch. Man hat ihr den Magen ausgepumpt. Die Blutung ist gestoppt. Sie hat eine Transfusion bekommen. „Alles wird gut“, sagt er.

In diesem Moment beginnt Mia zu weinen. Ihr Vater schließt sie fest in die Arme. Doch sie weint nicht vor Erleichterung. Heute hat etwas geendet. Die Zeit der Unschuld ist vorbei. Das Erwachsenenleben beginnt.

Sweet Sixteen.
31.05.2014 18:51
Ich mag die impressionistische Erzählweise. Man kann nicht alles komplett verstehen - zumal man ja die ganzen Namen nicht kennt - aber es hinterlässt einen nachvollziehbaren Eindruck.
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