Finh Rattner
02.11.2011
Momper
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“Verrätst Du mir irgendwann noch, warum ich das hier mache?”
“Weil ich Dich dafür bezahle.”
“Hättest Du mir vorher gesagt, daß ich DAS machen muss, dann hätte ich mich nich auf den Handel eingelassen.”
“Was willst Du? Mehr Geld?”
“Ja, das Doppelte.”
“Hör mal… Ich geb’ Dir 10 Silber mehr. Letztes Angebot. Und Du behälst für Dich, daß ein Anfänger wie Du mich übers Ohr gehauen hat, eh?”
Finh kramte mit der rechten Hand die entsprechenden Münzen hervor und legte sie gut sichtbar für den Jungen neben sich auf einen Stein.
“So, und jetz leg’ los. Kalt gepresste Limonade gibt’s… naja… nich. Hab nämlich keine.”
Er lehnte sich zurück und sah zu, wie der Bursche die Schaufel ansetzte und begann, das Loch zu graben. Natürlich hätte er es selbst gemacht, wenn seine linke Hand noch brauchbar wäre. Aber die Finger waren seit Jahren verkrüppelt und steif. Und mit nur einer Hand ein Loch zu graben war ihm einfach zu anstrengend gewesen. Also hatte er den erstbesten Penner von der Straße angesprochen und ihm Geld dafür geboten, das für ihn zu tun. Er hatte nicht mal eine Ahnung, wer der Junge überhaupt war.
Der Ort, an den er mit ihm gegangen war, war für Finh inzwischen angefüllt mit vielen Erinnerungen und Bildern. Oft hatte er hier gelegen oder gesessen oder war einfach nur vorbei gegangen. Er hatte hier sturzbetrunken gelacht, hatte wie ein kleines Mädchen geheult, hatte ein paar mal aus Dummheit geblutet und wäre beim allerersten Besuch sogar fast verreckt.
Unwillkürlich musste er an Salas denken. Damals hatte der Graf noch keine Eier, und daß er Finh besiegt hatte, war mehr Finhs eigener Dummheit als dem Können des kaum älteren Atherton geschuldet. Daß Salas jetzt nicht nur mit Fianah verheiratet war, sondern auch noch die Stirn hatte, Winthallan zwischen die Beine zu treten – im übertragenen Sinne, verstand sich – schrieb Finh sich zu einem großen Teil selbst zu. Gedankt hatte es ihm weder Atherton, noch Fianah. Familie Salas lag jetzt im Krieg mit Familie Winthallan, und Finh hatte damit nichts mehr am Hut. Dennoch vermisste er vor allem Fianah und Arian. Nichts, was er ihr oder irgendwem sonst sagen würde. Es gab nach wie vor nur wenige Menschen, denen er aufrichtig nette Dinge gesagt hatte, ohne sich im Nachhinein wie ein Schwächling zu fühlen. Und gerade Fianah hatte nie dazu gehört. Natürlich bedauerte er das. Aber, wie er inzwischen so oft zu sagen pflegte: Eine Ratte konnte eben nicht aus ihrem Pelz. Auch etwas, das Fianah nie verstanden hatte. Zwar hatte sie eine zeitlang seinen, Finhs, Namen angenommen, aber sie hatte nie wirklich verstanden, was es bedeutete, eine Ratte zu sein. Er wünschte ihr alles Glück dieser Welt.
Vermissen würde er auch Flusswieser. Tatsächlich. Der verkrüppelte, immer mürrische Giftmischer hatte Finhs Respekt verdient. Er hatte Fianah eine Gelegenheit gegeben, mehr aus sich zu machen. Er hatte Finhs Leben gerettet. Und er hatte irgendwann angefangen, Finh wie einen Freund zu behandeln. Natürlich hatte Finh ihn weiterhin meistens abfällig oder wenigstens distanziert behandelt, aber irgendwann musste er all das Gehabe durchschaut und die Fähigkeit gewonnen haben, es zu ignorieren. Jetzt jagte er bestimmt Häuser in Gondor in die Luft.
Vermissen würde er auch den Mauertänzer. Er und Kupferberg – nach all den Jahren brachte er es immernoch nicht über sich, den Mann in nüchternem Zustand Rogonn oder sogar Bruder zu nennen – waren dicke Kumpels geworden. Und wem hatten sie das zu verdanken? Der Mauertänzer hatte sich immer auf das Spiel eingelassen, war gebissen worden und hatte gebissen. Und es hatte ihm immer gefallen. Das, musste Finh zugestehen, hatte ihm imponiert. Außerdem war es immer, als würde man auf ein Ölgemälde pinkeln, wenn Sethur in räudiger Gossensprache fluchte und zu beleidigen versuchte. Er würde in Gondor sicherlich jemanden finden, mit dem er sich ein bisschen im Dreck suhlen konnte. Und schließlich blieb ihm ja noch Kupferberg selbst. Die beiden schrieben sich jetzt bestimmt Briefe und tauchten sie in Wein, damit sie nach trunkener Brüderlichkeit rochen. Sollten sie.
Zuletzt stellte Finh sich die Frage, ob er Winthallan vermissen würde. Und er musste sich eingestehen, daß es so war. Er würden den Alten vermissen. Er hatte viele Positionen in Finhs Leben eingenommen. Ein Mann brauchte immer einen, den er hassen und den er gleichzeitig respektieren konnte. Und so seltsam es klang, Finh hatte immer das Gefühl, Winthallan würde ihn zurückrespektieren. Damals, als die Abstimmung über die Absetzung des Stadtrates lief, schien es, als wäre es Winthallan wichtig, Finh auf seiner Seite zu wissen. Und deshalb hatte er sich auf der Abschiedsfeier des Alten nochmal so richtig daneben benommen. Sollte Winthallan ruhig die richtigen Eindrücke mit in seine blöde Heimat nehmen, wenn ihm das Breeland nicht gefiel. (Zugegeben: Daß Finh sich daneben benommen hatte, lag auch an Ari. Manchmal hatte er das Gefühl, seine Schwester würde stets das Unangenehmste an ihm hervorbringen. Nichts, weswegen man sie nicht dennoch lieben konnte.) Außerdem war er nicht eingeladen gewesen. Trotz Baumhaus und Stimme bei der Stadtratwahl. Blöder, blaublütiger Penner!
Finh war so in Gedanken versunken gewesen, daß er zu spät hörte, daß sich jemand näherte. Er sprang auf und zog nunmehr nur noch eine Klinge (obwohl er gewohnheitsmäßig immernoch zwei trug). Fast schon rechnete er damit, Derya würde wieder hier auftauchen wie bei ihrer ersten Begegnung. Um so überraschter war er, als Ari – eine Schaufel über der Schulter – aus dem Gebüsch brach. Sie bliebt stehen und war wohl ebenso erschreckt wie er.
“Na sowas, meine Sonne, vermisst Du Deinen Kumpel Salas so sehr, daß Du sogar noch an seinem Haus rumhängst, wenn er schon längst nich mehr da is?”, fragte sie spöttisch.
Finh trat beiseite und lies sie einen Blick auf den grabenden Jungen werfen.
“Nee, ich schätze, ich war einfach schneller als Du. Wie immer.”, antworte er mit einem herausfordernden Grinsen.
Sie blickte zu dem Jungen, und man konnte förmlich sehen, wie die Erkenntnis in ihren Geist sickerte.
“Aber gut, daß Du kommst, Ari.”, fuhr Finh im Plauderton fort (und stellte schaudernd fest, daß da doch Kupferberg-Schwätzer-Blut in ihm war), “Wir müssen uns überlegen, wo wir Tarikh nun verbuddeln wollen. Also… je nach dem, was von ihm noch übrig is.”
Ari hob eine Braue.
“Nach all dem Rum, den wir ihm reingezwirbelt haben, müsste er noch fast vollständig erhalten sein.”, antwortete sie.
Gespannt warteten sie ab, was der Junge am Ende der Grabung zutage fördern würde.
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