Finh Rattner
02.11.2011
Momper
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In Jahren…
-I-
Immerhin waren es 67 Jahre geworden. Mehr als das Dreifache dessen, was er sich einmal errechnet hatte. Und jetzt sollte es eine verdammte Krankheit sein, die ihn umbrachte.
Anfangs hatte Finh sich keine Gedanken darum gemacht, als er rapide an Gewicht verloren hatte. Ihm war – im Vergleich zu früher – ein ordentlicher Bauch gewachsen, und er war nicht böse, ihn wieder zu verlieren. Aber als er dann eines Morgens einen so üblen Hustenanfall bekommen hatte, daß er am Ende nur noch Blut spucken konnte, war er doch zu einem Medicus gegangen. Am liebsten wären ihm natürlich Fianah oder wenigstens Flusswieser gewesen. Aber Fianah war weit weg in Gondor. Und Flusswieser war schon vor Jahren gestorben.
Der Medicus, bei dem er dann gewesen war, hatte nur noch den Kopf schütteln und sagen können, daß es für eine Behandlung nun viel zu spät wäre. Daß er nichts mehr tun könne, als die Begleiterscheinungen – das Blut im Speichel und im Urin und die verdammten Magenkrämpfe – zu mildern, bis die Krankheit ihn schließlich aufgefressen hatte.
Und er hatte es hingenommen.
Vermutlich hätte er sich eine Behandlung ohnehin nicht leisten können.
Zwar hatte Winthallan ihm damals im Namen der Stadtwache, des Stadtrates und selbstverständlich seiner selbst eine großzügige Summe gezahlt, als er Rogonn, sein Haus und all die Handelspartner, die genauso tief im Dreck saßen, hatte auffliegen lassen. Doch viel Geld war nicht mehr übrig.
Rogonn hatte Streitberg ins Gefecht geschickt. Aber die Beweise waren zu erdrückend gewesen. Am Ende hatte Rogonn den Freitod in der Zelle gewählt.
Felinda hatte gekämpft. Sie war schließlich unter den Klingen der Wachmänner gefallen. Aber sie war ungebrochen geblieben bis zum Schluss.
Streitberg hatte sich natürlich rausgeredet. Aber ihm war die Lizenz entzogen worden, und er war im Nirgendwo verschwunden.
Und während Finh selbst seine Strafe im Gefängnis abgesessen hatte, musste er ohnehin nichts ausgeben.
Aber die Jahre danach waren nicht gerade freundlich zu ihm gewesen. Er hatte sich Winthallans Worte ehrlich zu Herzen genommen. Er hatte versucht, seine früheren Fehler wieder gut zu machen. Kein Kind sollte in den Straßen Brees jemals wieder stehlen oder betteln – oder viel wichtiger: verhungern – müssen. Ein großer Teil des Geldes war in den Bau des Waisenhauses geflossen.
Und er hatte versucht, Stadtrat zu werden. Ein weiterer Schritt, die Dinge zu verändern. Aber weder sein Name noch seine Geschichte hielten den Prüfungen und Wählern stand. Wer konnte es ihnen verdenken?
Also hatte er sich hier und da mit Gelegenheitsarbeiten durchgeschlagen, bis er zu alt geworden war, um noch eine solche Arbeit zu finden. Seither hatte er von den Resten des Geldes gezehrt.
Der Weg zum Notar war anstrengend. Oft musste er stehen bleiben. Aber das eine musste er noch machen.
Der Jungspund im Rathaus blickte ihn überaus zweifelnd an, als er ihm erklärte, er wolle sein restliches Geld dafür aufwenden, die verfallenen Häuserruinen im Armenviertel zu kaufen, den Besitz dann auf Fianah Rattner zu überschreiben und die entsprechenden Urkunden ins ferne Gondor in eine Stadt namens Minas Faer zu schicken.
“Jetz mach schon, was ich sage. Mein Geld! Meine Entscheidung! Ich hab nich ewig Zeit!”
Sein Gezeter wäre vermutlich beeindruckender gewesen, hätte er zwischendrin nicht zahnlos geschmatzt.

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-II-

Immerhin waren es 46 Jahre geworden. Mehr als das Doppelte dessen, was er sich einmal errechnet hatte. Und jetzt sollte es also Gift sein, das ihn umbrachte.
Finh hatte immer mit der Möglichkeit gerechnet, daß Felinda auch ihn hintergehen könnte. Aber er hatte erwartet, sie würde dabei vor ihm stehen, und sie beide würden bewaffnet sein. Er hatte sich offensichtlich geirrt, als er ihr soviel Ehrenhaftigkeit zugestanden hatte. Vermutlich hatten die Dinge, die sie getan hatten, vieles geändert.
Ein bisschen traf ihn ihr Verrat allerdings schon. Er und sie hatten Rogonn vor Jahren verlassen, waren in einer irren, monatelang anhaltenden Flucht seinen Häschern entwischt, hatten schließlich eigene Leute um sich geschaart und Haus Kupferberg in einer Reihe spektakulärer Morde und Gerichtsprozesse übernommen.
Rogonn hatte man mit geöffneten Adern in einem kalten Badezuber gefunden.
Hjalte und Rheiah waren bei einem Überfall auf nächtlicher Straße von Unbekannten ermordet worden.
Garmaruk hatte man – den eigenen angespitzten Schreibgriffel im Nacken – unter der Brücke vom Gelehrtenarchiv aufgefunden.
Natürlich hatten alle Finger nach der Übernahme auf Finh und Felinda gezeigt, aber vor Gericht hatte man ihnen nie etwas beweisen können.
Streitberg hatte sich den Meistbietenden – Finh und Felinda boten ihm immerhin sein Leben – verkauft und hielt die Westen seiner Klienten mit geübt findigen Plädoyers rein.
Das alles war nun schon Jahre her, und seither hatten sich die Geschäfte äußerst gut entwickelt. Finh und Felinda hatten in einer wilden Ehe gelebt. Und nachdem sich all der Ärger um die Übernahme gelegt hatte, waren beide auf eine seltsame Art glücklich gewesen.
Nun, bis jetzt. Sie hatten gemeinsam zu Abend gegessen. Er hatte einen guten Wein geöffnet. Und erst als er getrunken hatte, war ihm aufgefallen, daß Felinda ihren nicht anrührte. Als er dann schlagartig zu schwitzen begann und sich ihm die Sicht eintrübte, wusste er auch, warum sie nicht getrunken hatte.
“Wieso?”, fragte er und krallte sich am Tischtuch fest.
“Wir sind am Ende unserer Reise angekommen.”, antwortete sie schulterzuckend, “Ich habe mich damals von Rogonn getrennt, als unsere Zeit zuende war. Und jetzt trenne ich mich von Dir.”
Er hatte Mühe, sich auf dem Stuhl zu halten.
“Außerdem”, fuhr sie fort, als sie zusah, wie er schließlich doch zu Boden kippte und reglos liegen blieb, “teile ich ungern, wenn es nicht sein muss.”

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-III-

Immerhin waren es 34 Jahre geworden. Mehr als das Andertalbfache dessen, was er sich einmal errechnet hatte. Aber wenigstens war es eine Klinge, die ihn im Kampf umbrachte.
Allerdings hatte er nie und nimmer gedacht, daß es so ablaufen würde. Er war nicht getötet worden durch den Dolch eines kleines Gauners in den Gassen. Es war auch kein Häscher des Fürsten.
Finh Rattner wurde von der scharfkantigen Klinge eines Orks getötet. Und das Überraschendste für ihn war, bedachte man die Anfänge der ganzen Sache, daß er dabei den Waffenrock Ost-Agars und Minas Faers trug.
Es waren die verdammten Worte des Fürsten gewesen. Ein Monat! Was konnte ein Monat mit ab und an geführten Gesprächen schon ändern?
Offensichtlich ziemlich vieles.
Finh hatte schließlich um Fianahs Hand angehalten. Er hatte dem Fürsten den Eid geleistet und war sang- und klanglos aus dem Haus Kupferberg ausgestiegen. Rogonn und er hatten sich freunschaftlich getrennt, waren sich am Ende sogar in die Arme gefallen.
Finh hatte das alles nicht getan, weil er Fianah liebte (obwohl sie ihm nach all den Jahren so viel bedeutete wie nur wenige andere auf der Welt), oder weil er sich für einen guten Vater für Arian hielt.
Er hatte es für Cinlir getan.
Denn etwas war geschehen. Cinlir hatte sich bemüht. Schließlich, als Finh in den Gesprächen unter vier Augen wie selbstverständlich auf das höfliche “Ihr” verzichtete und das viel gewohntere “Du” benutzte, und nachdem Cinlir und er sich gesagt hatten, was zu sagen war, da war Cinlir an die Stelle in Finhs Leben getreten, die der Junge, ohne sich dessen bewusst zu sein, so dringend besetzt sehen wollte. Cinlir war zu Finhs Vater geworden. Mehr als Bren das jemals hätte sein können. Mehr als Tarikh, der die Kinderbande damals angeführt hatte. Und mehr als Rogonns Vater, von dessen Existenz und Liebschaft zu einer viel jüngeren und unverbrauchten Eliane (und der daraus resultierenden Vaterschaft) Finh erst viel später erfahren hatte.
Es hatte harsche Worte, Streit und Tränen gegeben, aber schließlich hatte Cinlir diese Position in Finhs Leben eingenommen, und der Junge hatte zum ersten Mal die Tatsache, einen wichtigen Menschen in seinem Leben zu haben, nicht als Schwäche empfunden.
In den folgenden Jahren hatten Cinlirs Männer Finh den Umgang mit dem Schwert beigebracht, der über den schnellen Straßenkampf hinaus ging. Und so sehr er sich auch gesträubt hatte, die Frauen des Haushalts – voran Sybell und später Ellena – hatten ihn höfische Sitte gelehrt.
Als der Haushalt schließlich nach Gondor umsiedelte, war Finh an der Seite von Fianah mit dorthin gezogen und hatte seine Position in der Garde des Hauses eingenommen. Der Große Krieg war längst vorbei, doch tauchten hier und da immernoch marodierende Orks und anderes Gezücht des Feindes auf, das es zu vertreiben galt.
Erst drei Tage nach dem Überfall auf die kleine Spähtruppe, zu der auch Finh gehörte, erreichte die Nachricht die Stadt und damit Fianah und Cinlir.
Jeder von beiden reagierte auf seine Weise.
Fianah trug – wie schon nach dem Tarikhs Tod – das schwarze Kleid. Oft konnte man sie auf den Zinnen sitzen sehen, wie sie in die endlose Weite Gondors blickte.
Cinlir gestattete sich wie immer keine einzige Rührung.

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-IV-

Immerhin waren es 22 Jahre geworden. Das war ein bisschen mehr als das, was er sich einmal errechnet hatte. Und jetzt sollte es also der Galgen sein, der ihn umbrachte. Das war nun wirklich keine Überraschung.
Es war tatsächlich so, wie man sich das immer vorstellte. Die Zeit, die verging, während der Richter das Urteil verlas bis hin zu dessen Vollstreckung, dehnte sich zu einer kleinen Ewigkeit.
Finh lies sich die Ereignisse noch einmal durch den Kopf gehen.
Ein einfacher Transport gestohlener Waren. Das hatten sie doch schon tausendmal gemacht.
Daß sie diesmal etwas dabei hatten, das jemandem offensichtlich so wichtig war, daß er es nicht einfach so hinnehmen konnte, daß es ihm gestohlen worden war, war tatsächlich nicht abzusehen gewesen. Die Stadtwache hatte einen Hinweis bekommen, und Schwarzenberg konnte ihnen diesmal den Ärger nicht vom Hals halten. Und scheinbar war ihm ihre kleine Abmachung nicht wert, selbst aufzufliegen. Folglich hatte er Finh nicht gewarnt, und der Junge war in die Falle gelaufen. Die Situation war eskaliert, und schießlich hatte Finh die Schwerter gezogen und war zu einem Angriff übergegangen. Natürlich war der Kampf verzweifelt und kurz. Die Wachsoldaten waren besser ausgebildet, besser gerüstet und mehr als er. Aber er hatte wild um sich geschlagen.
Erst später hatte er erfahren, daß er einen von ihnen so schwer verletzt hatte, daß der dem Heiler unter den Händen weggestorben war.
Die Strafe hierfür stand fest, so sehr Streitberg auch argumentierte. Kein Gold-Advokat dieser Welt hätte Finhs Kopf noch aus der Schlinge ziehen können.
Nun stand er also unter dem Galgenbaum und wartete ab.
Da plötzlich sah er das Gesicht von Rogonn. Er trug eine Kapuze, die sein Gesicht verbarg. Als Finh sich umblickte, erkannte er auch Hjalte. Und dort drüben stand Rheiah. Felinda war sicher auch irgendwo. Vielleicht sogar Robinh.
Also hatte Rogonn seine Leute aufgebracht, um ihn, Finh, gegen das starke Aufgebot der Stadtwache hier irgendwie rauszuholen. Finh war mehr als gespannt, wie sie das anstellen wollten.
Der Vollstrecker packte nun den Hebel, der die Luke unter Finhs Füßen öffnen würde.
Bestimmt würde Hjalte eine seiner Äxte werfen und das Seil zielsicher durchtrennen. Und dann würde der Hüne aus dem Norden einen Tumult beginnen, während…
Der Hebel wurde gezogen, Finh fiel in das Loch, und sein Genick brach.
Stille breitete sich über dem Platz aus. Schweigend gingen die Zuschauer davon. Unter ihnen Rogonn und die seinen.
Allein eine Handvoll Wachsoldaten war geblieben, um einen letzten Salut für ihren gefallenen Kameraden zu spielen, dessen Mörder sie nun gerichtet hatten.
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