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Der Laptopmonitor gab nur spärlich Licht, welches die Gesichtern von Dr. Norris und Graham kaum erhellten. Dennoch war es die einzige Lichtquelle in dem Raum. Keine Jacke war an die Garderobe gehängt worden. Niemand hatte die Schuhe ausgezogen und auf den dafür vorgesehenen Vorleger gestellt. Die Haustür stand offen. In dem kleinen Wohnzimmer stand der Laptop auf dem Tisch und davor standen die beiden Menschen zum Laptop hingebeugt. Sie hatte einen völlig unverständigen Gesichtsausdruck, er schien gefasster, beobachtender. Dann erstarb die Lichtquelle.
„Woll´n sie es nochmal seh´n?“ fragte Graham.
Dr. Norris erhob sich langsam. Nur der Klang ihrer Absatzstiefel zeugte von ihren Schritten, dann erst ging das Licht in dem Raum an. Das Zimmer war einfach und konservativ eingerichtet. Ein Tisch auf dem über Platzdeckchen und Papierstapeln der Laptop abgestellt war, ein Sofa, ein Sessel, Fernseher, Telefon, Bad, ein Schlafzimmer. Eine Glastür führte von der Küchenzeile zum Balkon. Dorthin ging Dr. Norris und Blickte über die Stadt. Sie hatte ihre Arme um den Mantel verschränkt und blickte starr hinaus.
Graham klappte den Laptop zu und klemmte ihn unter den Arm. „Bin rauchen.“ sagte er, ging durch die Tür und schloss sie von außen.
Nun war die Stille komplett und Dr. Norris war mit ihren Gedanken allein. Es waren alles Bausteine. Das Ritual, die riesige Kreatur, ihr Buch, der Pfleger, die... Vielleicht sogar die Jahre des Zweifels. Konnte es wirklich sein, dass die Jahre des Zweifels auch ein Baustein waren? Aber eine Sache verstand sie nicht. Warum? Was war es dass verborgen wurde, dass im Schatten lauerte und auf Entdeckung wartete?
Ohne Vorwarnung schob sich ein Gedanke in ihren Verstand. Sie könnte einfach ins Bett gehen. Sie könnte jetzt, in diesem Augenblick die Decke über ihren Kopf ziehen und die Welt vergessen. Irgendwo hörte sie die Stimme eines Kindes: „Mama, ich kann heute nicht... ich hab Kopfschmerzen.“ Mit Tränen in den Augen nahm sie die Antwort war, wie ein Ritualspruch:
„Ich mache dir erstmal einen Kakao und dann sehen wir weiter mein Schatz.“
Eine Träne rann ihr langsam über die Wange. Sie wusste, dass es nur ein Echo war, dass es zu einfach wäre, dass sie stärker sein musste als das Kind unter der Decke. Sie wischte sich die eine Träne von der Wange und drehte sich um. Der Lichtschalter für die Küchenzeile war in der Kochnische eingebaut. Sie ging hin und der Raum wurde von mattem Licht erfüllt. Dr. Norris ging zum Tisch und setzte sich. Sie musste die Bausteine ordnen.
Das Video zeigte Katzen. Die Kamera war mit einem Bewegungsmelder gekoppelt. Drei Katzen vielen gleichzeitig aus der Luft auf den Boden. Nach wenigen Sekunden brach das Video wieder ab. Dann flog ein Rabe vorbei und veranlasste die Kamera zu 2 weiteren Sekunden Film. Dann tauchte eine junge Katze auf, schnupperte herum, stupste die Kadaver an und rannte weg. Dann ging die Kamera wieder an als viele andere Katzen hinzu kamen. Das Video hatte keinen Ton, doch sie schienen zu kommunizieren. Dr. Norris erkannte typische katzenhafte Gesten, welche sie verglichen hatte, vor so langer Zeit. Doch dann fraß einer an einem der Kadaver. Es schien, als wäre es der Alpha, und die Tat ritualisiert. Es war schon seltsam, dass Katzen einen Alpha hatten, so einzelgängerisch wie sie waren, doch ein ritueller Leichenverzehr? Es war eine Bestätigung ihrer Theorien, aber sofort fielen ihr die Gegenargumente der „richtigen“ Wissenschaftler ein, die ihr Buch in der Luft zerrissen hatten.
Der Alpha stoppte kaum dass er begonnen hatte. Die Köpfe aller Katzen fuhren herum und blickten zu einem Ort jenseits des Bildes, ohne Abwehrhaltung, ohne irgendeine Reaktion die auch nur halbwegs einem Tier entsprach, bis auf eine kurze Reviergeste des Alpha. Dieses Verhalten war so unglaublich bizarr, dass es unwirklich erschien. So verhielten sich Katzen nicht. Der Alpha kommunizierte mit der Person im Schatten und die anderen Katzen verstanden es. Sie blickten zu ihm und zum Schatten... wie zuschauende Menschen bei einem Tennisspiel. Es war furchteinflößend... als hätten sich Menschen in tierische Wesen verwandelt. Dann setzte sich eine Katze genau vor die Kamera und verdeckte das Bild. Als sie ging stoben alle anderen auch auseinander. Dann stoppte die Kamera wieder.
Es klopfte. Dr. Norris stand auf und öffnete die Tür. Graham trat herein. Er roch nach Tabakrauch. „Scheiße ist dieses Haus beschissen!“ verkündete er.
„Wieso denn das?“
„Alles ist voller Ratten!“ Er packte den Laptop auf den Tisch. „Und was machen wir jetzte Dock?“
Norris wischte den Gedanken beiseite dass die Ratten Irgendetwas mit den Katzen zu tun haben könnten und dachte nach. „Nun...“ sie nickte und blickte sich fast verlegen um. „... es ist kein Müll. Das Band ist... sie haben recht. Es passiert wieder.“
Graham nickte langsam. „Dann geben wir diese Informationen jetzt ans Fernseh´n?“
Sie schüttelte den Kopf und holte Luft. „Warum sollte irgendeine Fernsehstation einer pathologisch verrückten Pseudowissenschaftlerin glauben, die mit einem Video daherkommt, welches nach Jahren ihre wahnhafte Theorie bestätigt, dass Katzen magische Wesen sind, die eine... einen... etwas Übernatürliches vor uns schützen. Und nur falls sie auf den Gedanken kommen... einem schwarzen Kiffer werden sie es auch nicht abnehmen.“
Graham grinste breit. „Immer wieder die Hautfarbe.“ grummelte er scherzhaft.
„Ich denke ein paar Leute werden neugierig gewesen sein und versucht haben diese... die Übernatürlichkeit für ihre Zwecke zu benutzen. Ich habe auch schon eine Idee wer es sein könnte.“ Sie ging hinüber zum Telefon.
„Und dann kamen diese riesigen Dinger heraus und terrorisieren die Stadt?“ fragte Graham.
„Oder es sind jene, die versucht haben... es zu benutzen.“ sie nahm den Hörer ab.
„Die Portale.“ sagte Graham.
Norris stoppte abrupt. „Ich habe in meinem Buch nie etwas über Portale geschrieben.“ sagte sie ihn verwirrt ansehend. Ihre Hand legte wie in Zeitlupe den Hörer wieder auf.
„Sie haben es zu Protokoll gegeben, Dock.“
„Sie haben die Aufzeichnungen meines Psychologen gelesen?“ Ein eiskalter Schauer lief Norris über den Rücken. „Wie sind sie... Wer sind sie?“
Graham hob beschwichtigend die Arme. „Bleiben sie ganz entspannt Dock. Ich bin`n Fan!“ Er grinste doch es schien als würde das grinsen diesmal nicht seine Augen erreichen.
„Wer sind sie Graham?“
„Ich bin ein Anrufer, der mit ihrer Schwester verhandelt hat um mit ihnen zu sprechen! Ich bin der der ihnen das Video...“ zu spät merkte er, dass sein Worte sie nicht beruhigen konnten. Er seufzte. „Wie sieht die andere Seite aus, Dock?“
„Verschwinden sie!“ hörte sich Norris sagen.
„Ich? Bitte Dock, ich bin nur eine neugierige Putze... Wovor beschützen uns die Katzen?“
Dr. Norris stolperte ein paar Schritte zurück. Ihre Hand streifte einen Messerblock. Ohne einen Gedanken griff sie ein Messer heraus.
Graham hob die Hände. „Dock... ich bin es.“
Der Schock breitete sich in Dr. Norris aus. Sie hörte sich Lachen und Weinen, sah sich stehen und mit dem Messer herumwirbeln, sich töten und sterben... gleichzeitig.
Dann legte ihre Mutter die Bettdecke über ihren Kopf und sprach: „Ich mache dir erstmal einen Kakao und dann sehen wir weiter mein Schatz.“
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