Finh Rattner
02.11.2011
Momper
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“Tu, was ich Dir sage, Du kleiner Bastard!”
Er hat ihre Ohrfeige bereits erwartet. Sie ist wieder sturzbetrunken und viel zu langsam für ihn. Aber damit sie sich besser fühlt, weicht er nicht aus und nimmt den Schlag in Kauf. Er hat festgestellt, daß er schneller ist als die meisten anderen Kinder. Sogar schneller als die Wendlings. Und er ist bei weitem klarer als Eliane.
Aber heute ist ihr Geburtstag, und er hat keine Lust auf Streit.
Sie sieht ihn aus rotgeäderten Augen an. Scheinbar tut es ihr leid, und sie streichelt ihm über die Wange. Das nun kann er nicht ertragen und weicht angewidert zurück.
“Tut mir leid, kleiner Mann.”, sagt sie, “Hol Mami was zu trinken, ja?”
Natürlich gibt sie ihm kein Geld mit. Aber wie man Leuten Geld wegnimmt hat er längst gelernt. Niemand traut einem Sechsjährigen solche Fingerfertigkeit zu.
Eine Stunde später hat er zwei Tonkrüge voller Schnaps und sogar einen kleinen Kuchen dabei. Die Äpfel, die er gestohlen hat, hat er längst gegessen. Als er zur Tür kommt, hört er das Grunzen und Stöhnen von drinnen. Eliane arbeitet also gerade. Wie lächerlich das klingt. So wie eine Kuh, die geschlachtet wird.
Er setzt sich an die Wand vor der Tür und wartet ab wie immer. Dauert sowieso nie lange.
Der Kuchen.
Nein, der ist für sie. Zum Geburtstag.
Ihr Stöhnen. Als würde ihr das weh tun.
Der Kuchen.
Sie wird sich eh nur für den Schnaps interessieren.
Der Kuchen.
Er ist gefüllt mit Kirschen. Und er ist so köstlich wie er aussieht.
Der Junge wischt sich schnell die Krümel vom Gesicht und leckt den Kirschsaft von den Fingern, als er die Schritte hört von drinnen. Der Mann grinst ihm lässig zu, als er an ihm vorbei geht. Eliane folgt ihm, und als sie die Flaschen sieht, greift sie zu und verzeiht sich wieder nach drinnen.
“Alles Gute!”, ruft er ihr nach, als er beschließt, zumindest solange draußen zu bleiben, bis es drinnen nicht mehr nach Schweiß riecht.

—–

“Ich hab drei Silber und acht Kupfer. Wieviel habt Ihr?”
Tarikh hält seine Hand hin, in der die genannte Anzahl Münzen liegt.
“Vier Silber und zwei Kupfer.”, sagt Ari stolz und präsentiert ihre Beute.
Schweigend hält Finh seine zwei Silbermünzen und die fünf aus Kupfer hin.
Sie drängen sich dicht unter der Brücke zusammen, um dem Regen für einen Augenblick zu entgehen.
“Gut, das reicht für heute. Damit kriegen wir uns vier versorgt.”, beschließt Tarikh väterlich und verteilt die Aufgaben. “Ich hole Brot und Käse. Finh, Du besorgst Wurst. Ari, Du holst Milch für Fia.”
“Wieso macht Fia nich auch mal was?”, fragt Finh.
Ari hat sich gerade in Bewegung gesetzt, als sie wieder stehen bleibt.
“Was?”, fragt sie.
“Warum macht Fia nich auch mal was? Ich meine, wir versorgen sie, als wärn wir ihre Eltern oder so. Wirds nich langsam mal Zeit, daß sie sich beteiligt?”, antwortet er.
Ari macht einen Schritt auf ihn zu und setzt ihr böses Gesicht auf.
“Sie is acht. Was soll sie denn machen?”
Finh zuckt mit den Schultern und schaut zu Boden. Eine Weile schweigen die drei sich an, während der Regen um sie herum den Boden aufweicht. Schließlich ist es Tarikh, der das Schweigen bricht.
“Los jetz! Es wird nich früher, und ich hab einen Mordshunger.”

—–

“Ihr steht hier vor mir. Und gerade weil Ihr gekommen seid, halte ich Euch für den richtigen Mann.”
Er wünscht sich, diese ganze Situation hätte ein paar Monate früher stattgefunden. Er wünscht sich, der Fürst hätte ihm vor ein paar Monaten einfach so seine Waffe gegeben, während sich im Haus nur Fia und die Fürstin befinden. Dann hätte er ihn umgelegt und geschaut, wie weit er gekommen wäre, bis die Wachen ihn aufgespürt und getötet hätten.
Aber jetzt schüttelt er sogar die dargebotene Hand und lässt sich auf einen Handel ein.
Einen Monat. Fein. Dann soll es so sein. Am Ende hält der Fürst ihn vermutlich für einen Mann, der sein Wort hält.
Aber eins ist klar: Wenn der Fürst glaubt, er, Finh, wäre tatsächlich dafür geeignet, Fia ein Ehemann und Arian ein Vater zu sein, dann irrt er sich gewaltig.
Woher, bei den weißen Ärschen der Agmarim, soll er wissen, wie das geht?
Was macht ein Vater? Was macht ein Ehemann?
Und vor allem was macht man, wenn das höchste Gefühl, daß man jemals für irgendjemanden empfunden hat, heitere Verachtung ist?
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